Adeline Dieudonné: Bonobo Moussaka

Kurz, knackig, treffsicher. Auf gerade einmal 87 Seiten schlägt die belgische Autorin Adeline Dieudonné gekonnt den Brückenschlag zwischen einer familiären Weihnachtsfeier und den Problemen der Gegenwart: von Sparpolitik, Migration, Klimakrise bis zur Ungleichverteilung der Ressourcen. Diese in Monologform geschriebene Erzählung, von der Autorin als One-Woman-Show auf der Theaterbühne aufgeführt, legt ein ungeheures Tempo vor. Dieudonné beschönigt nichts. Doch im Gegensatz zu ihrem brutalen Erstling „Das wirkliche Leben“ wählt sie hier knochentrockenen Humor als stilistische Waffe. Mit spitzer Feder skizziert sie die Konflikte, die unter der perfekt durchchoreografierten Weihnachtsfeier lauern. Mag der Edeltropfen aus den feinen Baccarat-Champagnergläsern noch so vorzüglich munden – in Wirklichkeit liegt alles in Scherben. Während wir nur einen Wimpernschlag von unseren affenartigen Verwandten, den Bonobos, entfernt sind.

Die Ich-Erzählerin ist 36 Jahre alt und alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Die Erkenntnis, in was für eine schreckliche Welt sie ihren Nachwuchs gesetzt hat, überfällt sie mit ungeheurer Wucht. Die Weihnachtsfeier im Haus ihres Cousins macht die Sache nicht besser. In dem scheinbar perfekten Reihenhaus, welches so traurig wirkt, dass sich die Protagonistin am liebsten aus dem Fenster stürzen möchte, wird sie Zeugin evolutionärer Rangordnungskämpfe, die sie ernsthaft an der Zivilisation zweifeln lassen. Ihr Cousin, ein typischer „Labrador“, möchte dem „Rottweiler“, einen befreundeten Banker – selbstgerecht und wohlstandsübersättigt wie aus dem Bilderbuch – imponieren. Doch Frauen und Kinder machen ihm einen Strich durch die Rechnung. Ausgerechnet eine Barbie-Puppe bringt das fragile gesellschaftliche Konstrukt zum Zusammenbruch. Schöne Bescherung! Während die zur Nachsicht gemahnte Protagonistin stirnrunzelnd den Ausführungen des „Rottweilers“ zu Politik und Wirtshaft folgt, schweifen ihre Gedanken ab. Zu dem genannten Thema als solches, aber auch zurück in ihre eigene Vergangenheit. Zu ihren ersten unglücklichen Liebschaften, ihrer promiskuitiven Mutter, den kleinen und großen Enttäuschungen des Lebens.

Dieudonnés Beobachtungen sind messerscharf. Lakonisch-abgeklärt berichtet sie über die sich anbahnenden Katastrophen des fortschreitenden Abends. Dabei findet sie herrliche, treffsichere Vergleiche. Allein schon der Buchtitel! Es geht weder um Tiere, noch um griechische Spezialitäten. Es geht, wie könnte es anders sein, natürlich um Sex! Bei aller Ironie, verleiht Dieudonné ihrer Hauptfigur trotz der Kürze des Plots viel Charakter:

„Und wissen Sie, was ich am meisten liebe? Wenn die Verpackung total misslungen ist. Weil das Geschenk dann von einem Menschen stammt, der im Verpacken eine Niete ist, mir aber trotzdem eine Freude machen will. Er hat dafür seine Versagensangst überwunden und verbissen mit dem Geschenkpapier gerungen, das sich seinen ungeschickten Fingern vehement widersetzt. Er hat gekämpft, beinahe aufgegeben, was das katastropale Ergebnis erklärt – aber er hat es versucht! Er hat seine Komfortzone verlassen und sich seiner Unfähigkeit gestellt.“ (S. 38/39)

 

Großartig abgerundet wird die Erzählung von dem Nachwort der Journalistin Nike van Dinther. Von Dominanz- bis Cancel Culture heißt es vor allem: Verantwortung übernehmen. Jede(r) einzelne ist gefragt. So ist „Bonobo Moussaka“ eine perfekte, witzige Bestandsaufnahme der Gegenwart, vorgetragen im Fast-Foward-Modus. Ein Buch, dazu geschaffen, es in einem Atemzug zu verschlingen.

Adeline Dieudonné: Bonobo Moussaka.
Aus dem Französischen übersetzt von Sina de Malafosse.
dtv, November 2021.
112 Seiten, Gebundene Ausgabe, 10,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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