Abi Daré: Das Mädchen mit der lauternen Stimme

Die aus Nigeria stammende, in England lebende Autorin erzählt uns eine herzzerreißende Geschichte, bei der man sich ständig fragt, ob man sich tatsächlich im 21. Jahrhundert befindet. Und bei der einem ständig bewusst ist, dass all dies tatsächlich täglich nicht nur in Nigeria genauso geschieht. Genau dieser Gedanke ist es, der den Roman so unerträglich und gleichzeitig so faszinierend macht. Hinzu kommt ein wunderbarer Erzählstil.

Ich-Erzählerin und Protagonistin ist Adunni, 14 Jahre alt und aufgewachsen mit ihren beiden Brüdern in einem armen Dorf weit weg von der nigerianischen Hauptstadt Lagos. Seit ihre Mutter gestorben ist, trauert das Mädchen nicht nur intensiv um diesen Verlust, denn sie hatte ein sehr inniges Verhältnis zu ihrer Mutter. Sie vermisst ebenso die Schule, die sie seit dem Tod der Mutter nicht mehr besuchen darf. Denn ihr Vater, dem Alkohol verfallen und bettelarm, sieht in Mädchen keinen Nutzen und hält Schulbildung für überflüssig.

Adunni hingegen träumt von nichts anderem als davon, zur Schule gehen zu können. Sie ist ungemein intelligent, aufgeweckt, sie findet sich nicht mit ihrem Schicksal ab, möchte für sich und für andere etwas ändern. So hat sie es von ihrer Mutter gelernt, die ihr sagte: „Wenn du zur Schule gehst, wird dich keiner in diesem Dorf zwingen, irgendeinen Mann zu heiraten. Aber wenn du nicht zur Schule gehst, verheiraten sie dich mit dem erstbesten Mann, sobald du fünfzehn bist. Deine Schulbildung ist deine Stimme, Kind. Sie spricht für dich, auch wenn du gar nicht den Mund aufmachst. Sie spricht für dich bis zu dem Tag, an dem Gott dich zu sich ruft.“ (S.30). Woraufhin ihr Adunni verspricht, das hinzukriegen. Sie will nicht irgendeine Stimme, sie will eine „lauterne Stimme“.

Doch ihr Vater, trotz des gegenteiligen Versprechens, das er ihrer Mutter auf deren Sterbebett gegeben hatte, verheiratet Adunni mit einem sehr viel älteren Mann, der bereits zwei Frauen hat. Adunni muss diesem Mann zu Willen sein und erträgt das nur dank der Hilfe der zweiten Frau, während die erste sie drangsaliert und hasst.

Aber nach einem schlimmen Ereignis flieht Adunni und gelangt nach Lagos, wo sich ihre Lage jedoch erstmal keineswegs verbessert. Denn sie landet im Haushalt von Big Madam, einer furchterregenden, brutalen, aber schwerreichen Stoffhändlerin. Hier wird sie geschlagen und vom Ehemann der Hausherrin sexuell bedroht. Doch trotz all diesen Quälereien, dieser Unterdrückung und der Missachtung jeder Menschlichkeit verliert Adunni nie ihr Ziel aus den Augen: ihre Schulbildung. Und da bietet sich ihr die große Chance, auch dank der selbstlosen Hilfe von anderen.

Abi Daré erzählt diese Geschichte ohne Dramatik, ohne Rührseligkeit, ohne Schmalz oder Kitsch. Gerade darum wirkt sie so nachhaltig, gerade darum ergreift Adunnis Schicksal die Leserin. Die Geschehnisse machen unglaublich wütend, man fühlt sich so hilflos und fragt sich, wie schon erwähnt, wie so etwas im 21. Jahrhundert noch sein kann.

Der Stil, in dem die Autorin die Protagonistin erzählen lässt, ist umso anrührender, weil das Mädchen nicht in Selbstmitleid ertrinkt. Sie bleibt immer sich selbst treu, sie macht den Mund auf, ohne Rücksicht auf die Folgen, die das stets hat. Sie versteht vieles nicht, sie versteht nicht, warum Menschen so mit anderen Menschen umgehen, warum Menschen sich gegenseitig anlügen. Und sie hinterfragt die Dinge. So auch das Verschwinden von Rebecca, die vor ihr die Stelle als Hausmädchen bei Big Madam hatte und spurlos verschwand, etwas, worüber niemand reden will und darf. Das erzeugt zusätzliche Spannung in diesem ohnehin hochspannenden Roman.

Ein ganz ausdrückliches Lob und meine Hochachtung gebührt der Übersetzerin Simone Jacob, die, wie sie selbst in einem Nachwort erläutert, sich ungemein Mühe gab, den Dialekt und Adunnis Version des nigerianischen Englisch ins passende Deutsch zu übertragen. Das gelingt ihr, wie ich finde, formidabel. Wenn Adunni von „Fernseh“, „Außenland“ oder „Telefonmobil“ spricht, dann berührt das, dann ist man ganz nah an ihr und ihrer Geschichte. Und mit großem Geschick bringt Simone Jacob auch die Wandlung Adunnis durch ihr weiteres Lernen zum Ausdruck. Wirklich bewundernswert.

So wie der gesamte Roman unbedingt bewunderns- und vor allem lesenswert ist!

Abi Daré: Das Mädchen mit der lauternen Stimme.
Aus dem Englischen übersetzt von Simone Jacob.
Eichborn, August 2021.
368 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Renate Müller.

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