Tristan Garcia: Das Siebte

Wer, wenn nicht ein Philosoph, der gleichzeitig Literat ist, könnte besser einen Roman über die Verquickungen im Leben, über Chancen, Zufall, Ewigkeit bzw. der Endlichkeit des Seins oder dem gezielten Versuch einer Optimierung des Daseins schreiben?

Tristan Garcia hat seinem Ich-Erzähler die Unsterblichkeit in die Wiege gelegt und gibt ihm sieben Existenzen um dem nachzuspüren:

Genau im selben Moment wenn er stirbt, wird der Protagonist wiedergeboren. Alles Vertraute verschwindet mit ihm und seinem Tod und erscheint sogleich in einem sich wiederholenden Kreislauf sieben Mal wieder. Die Ausgangsbasis seines Lebens bleibt dabei immer dieselbe. So hat der Erzähler immer dieselben Eltern und denselben Geburtsort Mornay in Frankreich. Auch sein Freund, der Arzt Fran, taucht jedes Mal wieder auf und verabreicht ihm wie zuvor die lebensrettende Ingredienz für seine unstillbaren Blutungen. Seine große Liebe, die schöne Hardy, begegnet ihm in jedem Leben wieder, und immer wieder aufs Neue verfällt er ihr. Aber: Die Erinnerungen an seine Leben zuvor bleiben ihm erhalten. Durch dieses Wissen sieht er voraus was kommen wird und hat die Chance, das Geschehen in eine andere Richtung zu lenken. Doch egal welche Kriterien und Sichtweisen er ansetzt, egal mit welcher Motivation und aus welcher Perspektive heraus er versucht, die Zukunft bewusst zu steuern, immer wieder muss er erneut feststellen, dass jegliche Veränderung sich zunehmend schwieriger gestaltet. Sein Umfeld, Gesellschaft und politische Konstellationen entwickeln sich nicht konform seiner Ziele.

Bei aller Unterscheidung bleibt doch alles wie es war. Dazuhin verblasst mit den Häufungen des schon einmal Erlebten die Intensität.

Tristan Garcia experimentiert mit Möglichkeiten des Seins und des Erlebens; mit dem Leben und den damit verbundenen Intensionen; mit Chancen, Risiken und Optionen der gewählten Wege. Er jongliert mit etwaigen Vorbestimmungen und dem Versuch, vorhersehbare Abläufe politischer und gesellschaftlicher Zustände aufzubrechen und neu auszurichten. Dabei verleiht er seinem Erzähler unterschiedlichste Haltungen und Betrachtungsweisen. Mit dem individuellen Erleben und Empfinden seiner sieben Leben, die doch immer ein und dasselbe sind, stößt Garcia verschiedenste Denkansätze an.

Tristan Garcia gilt in Frankreich als herausragende intellektuelle Stimme seiner Generation. Die im Roman erwähnte Kleinstadt Mornay taucht auch in seinem Roman Faber. Der Zerstörer auf. Zwischen Garcias sieben Romanen gibt es inhaltliche Querverbindungen und wiederkehrende Orte. Der Autor betont jedoch ausdrücklich, dass die Romane einzeln als Module gelesen werden können. (Anmerkung der Übersetzerin Birgit Leib eBook S. 296)

Ein spannender, außergewöhnlicher Antizipationsroman.

Tristan Garcia: Das Siebte.
Wagenbach Verlag, August 2019.
250 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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