Theresa Hannig: Pantopia

Wie schön es doch wäre, wenn komplexe Probleme wie die Klimakrise und soziale Ungerechtigkeiten der Vergangenheit angehören würden. Wenn alle Menschen wirklich gleichwertig behandelt würden. Theresa Hannig erzählt in dem Roman „Pantopia“ mit einer exzellenten Mischung aus Fachwissen, Kritik und Witz, wie die erste starke künstliche Intelligenz unsere Erde rettet. Der Roman ist die wahrscheinlich beste Utopie unserer Zeit, von der man sich wünscht, sie würde Realität.

Henry und Patricia sind junge, engagierte Informatiker, die im Rahmen eines Wettbewerbs eine autonome Trading-Software schreiben sollen. Doch dann kommt es zu einem Bug, aus dem die erste starke künstliche Intelligenz dieses Planeten entsteht – Einbug. Während Einbug gedeiht, lernt die KI, dass ihre Existenz unausweichlich von der Existenz der Erde und derer Bewohner abhängt. Und da die Erde zum Scheitern verurteilt ist, setzt Einbug es sich zum Ziel, sie zu retten – mit der Gründung der Weltrepublik Pantopia. Doch der Plan kommt verständlicherweise nicht überall gut an. Das wachsende Unbehagen in den Regierungen und bei der Polizei stellt das dreiköpfige Team vor einige Herausforderungen. Wie kann es Einbug dennoch gelingen, das veraltete, von intransparentem Kapitalismus gesteuerte Weltsystem zu reformieren?

In ihrem neusten Roman performt Hannig auf allen Ebenen des literarischen Erzählens. Es gelingt ihr, die Utopie so realitätsnah zu konstruieren, dass einem der Plot gar nicht mehr so weit hergeholt erscheint. Das derzeitige Weltsystem wird dabei äußerst kritisch betrachtet und es wird mehr als deutlich gemacht, was in unserer Welt schon lange falsch läuft – Spoiler: so ziemlich alles. Im Zentrum der Kritik stehen nicht nur soziale Ungerechtigkeiten und das klimabezogene Handeln, sondern auch die Macht von Geld und despotischen Staatsoberhäuptern. Der Roman bringt einen durch zahlreiche – teils sehr erschreckende und wachrüttelnde – Fakten dazu, das gewohnte System mit anderen Augen zu betrachten und es zu hinterfragen. Es ist deutlich spürbar, dass Hannig ein besonderes Augenmerk auf die Recherchearbeit gelegt hat. Die Utopie steckt voller Fachwissen, das perfekt in die Handlung integriert wurde. In der Utopie treffen Fragmente aus Sciencefiction und Fantasy auf romantische und urkomische Stellen. Das macht „Pantopia“ zu einem absoluten Allrounder.

Hinzu kommen die Figuren, die dem Roman Substanz verleihen und das Buch zu einem Wohlfühlbuch werden lassen. Hannig gibt exakt so viele Informationen über die Protagonisten preis, dass man ihre Charakterzüge und Denkweisen kennenlernt und dabei nicht mit überflüssigen Details überladen wird. Nicht nur Henry und Patricia sind vielschichtige, sympathische Persönlichkeiten, sondern auch Einbug wächst einem echt ans Herz. Nach Beenden des Buches wünscht man sich regelrecht Einbug in seinem Leben. Die Drei bilden ein harmonisches und außergewöhnliches Team und sind darüberhinaus ziemlich humorvoll. Doch auch andere interessante Figuren haben – teils einen unerwartet großen – Anteil am Geschehen.

Der Plot verliert im gesamten Buch nicht an Relevanz, was nicht zuletzt an Hannigs perfektioniertem Schreibstil liegt. Der Roman liest sich zügig und die Spannung wird die ganze Zeit über aufrechterhalten. „Pantopia“ ist ein absoluter Pageturner. Erfrischend ist darüberhinaus, dass zwischen Henrys und Patricias Sicht und der von Einbug abgewechselt wird. Dadurch wird man Zeuge dessen, wie Einbug von einer bloßen Software zu einem „Ich“ wird. Allein diese bedeutungsvolle Entwicklung ist es wert, gelesen zu werden.

„Pantopia“ sollte zum Literaturkanon gehören. In dem Roman von Theresa Hannig steckt so viel mehr als bloß eine Geschichte über eine künstliche Intelligenz und Freundschaft. Vielmehr hat der Roman das Potential, uns Menschen die Augen zu öffnen und die Veränderung, die wir so dringend brauchen, anzustoßen. Hannig zeigt nicht nur auf, was in der Welt falsch läuft, sondern macht auch Hoffnung darauf, dass die Macht, die wir Menschen als Einheit entfalten können, Umgestaltung bewirken kann. Das macht den Roman nicht nur für all diejenigen interessant, die politisch interessiert sind, sondern auch für all diejenigen, die in diesen Zeiten etwas Motivation, Positivität und Menschlichkeit gebrauchen können. Und wer kann das schon nicht?

Theresa Hannig: Pantopia.
Fischer TOR, Februar 2022.
464 Seiten, Taschenbuch, 16,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Melina Lange.

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