Siina Tiuraniemi: Frischluftvergiftung bei minus 20 Grad

Junge finnische Literatur – wer verbindet sie nicht mit schrägen Charakteren, rabenschwarzem Humor und jeder Menge Alkohol und Drogen? „Frischluftvergiftung bei minus 20 Grad“ erfüllt diesbezüglich alle Erwartungen! Der eigenbrötlerische Student Miska wird von seiner Mutter gebeten, ihrer älteren Cousine im Pflegeheim einen Besuch abzustatten. Birgitta entpuppt sich als zynische Dame im Rollstuhl, die ihre Beine aufgrund eines Alkoholproblems verloren hat. Sie will Miska dazu bringen, ihr Schnaps und Marihuana ins Pflegeheim zu schmuggeln. Was als kleiner Gefallen beginnt, endet in einem großen Chaos…

Miska ist 24 Jahre alt, Vegetarier, studiert Geisteswissenschaften, trägt einen zotteligen Bart, ebensolche Haare, löcherige Jeans und würde eigentlich dem Ebenbild eines Hipsters entsprechen. Nur dass er absolut nicht hip ist. Wehleidig, introvertiert, chronisch pleite, mit Hang zum Autismus, ohne Entschluss- und Motivationskraft schleppt er sich durch den Tag. Bis ihn das Leben durch zwei Ereignisse aus seiner Lethargie wirft.

Erstens ist da Emma, die neue Freundin seines Mitbewohners sowie ältesten Freundes Ville. Da es sich um eine ernsthafte Beziehung zu handeln scheint, fühlt sich Miska zurückversetzt und macht keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen die „Megäre aus der Unterwelt“, was zu Spannungen in der WG führt.

Zweitens ist da Birgitta, die ihn mit ihrer forschen, sarkastischen Art völlig überfordert. Als Miska ihr aus purem Mitgefühl einen Joint überlässt, öffnet er die Büchse der Pandora. Natürlich kann Birgitta nicht den Mund halten. Plötzlich verlangen die Bewohner des Pflegeheims nach weiteren Drogen und verbotenen Substanzen wie einer cholesterinhaltigen Fleischwurst.

Zu allem Überfluss tritt der schwule, exhibitionistisch veranlagte Schauspieler und Drogendealer Kurttu in sein Leben. Mit Miskas üblicher Strategie, Probleme auf die lange Bank zu schieben bis sie in Vergessenheit geraten oder sich jemand anders darum kümmert, kommt er hier nicht weiter. Die vermögende Birgitta bietet ihm derweil jede Menge Bares und die Aussicht auf ihr Erbe an. Miska, der sich nicht viel aus Geld macht, aber auch nie welches besitzt, will entrüstet ablehnen. Aber die TV-Programme sehen auf dem großen, neuen Flachbildfernseher eben viel besser aus. Folge: Miska muss sich plötzlich mit moralischen Fragen auseinandersetzen.

Der finnischen Autorin Siina Tiuraniemi ist ein rabenschwarzer und doch empathischer Roman gelungen. Ihr Plot ist sowohl eine außergewöhnliche Freundschaftsgeschichte, als auch ein eigenwilliger Coming-of-Age Roman. Dass die Autorin in eine männliche Ich-Perspektive schlüpft, gibt der Geschichte neue Impulse. So stellen die resolute Birgitta und der weinerliche, zur Magersucht neigende Miska gängige Rollenklischees auf den Kopf. Miska durchlebt eine Entwicklung, den Lesern ergeht es ebenso. Es dauert, bis wir Zugang zu ihm finden. Zunächst können wir seine Reaktionen und Eigenheiten kaum nachvollziehen, doch anhand witziger Rückblenden erhalten wir immer mehr Einblick in sein außergewöhnliches Seelen- und Familienleben.

Die im Norden Finnlands geborene Bibliothekarin Siina Tiuraniemi lässt ihre Geschichte im langen Winter ihres Heimatlandes spielen, was hervorragend zum Plot passt. Zeitgleich schafft sie es, Themen provokativ in Szene zu setzen: Darf man einem erwachsenen Menschen verbieten, sich zu Tode zu trinken? Was ist wichtiger: Ein paar Jahre mehr Leben oder ein bisschen mehr Lebensfreude? Wie ist es möglich, dass extrovertierte Eltern introvertierte Kinder zeugen? Kann Essen Erziehungsfragen lösen?

Wer finnischen Humor liebt, schräge Charaktere sofort ins Herz schließt und vom wilden (und manchmal auch wüsten) Norden fasziniert ist, wird von diesem Roman bestens unterhalten werden.

Siina Tiuraniemi: Frischluftvergiftung bei minus 20 Grad.
dtv, Januar 2018.
368 Seiten, Taschenbuch, 14,90 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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