Nell Leyshon: Die Farbe von Milch

Die britische Dramatikerin und Autorin Nell Leyshon (Jahrgang 1962) schreibt Theaterstücke, Hörspiele, Kurzgeschichten und Romane. In ihrer Heimat erhielt sie mehrere Auszeichnungen. Im September 2017 hat der Eisele Verlag mit „Die Farbe von Milch“ nun erstmals einen Roman von Nell Leyshon, übersetzt von Wibke Kuhn, in Deutschland herausgebracht. Die englische Originalausgabe „The Colour of Milk“ erschien 2013.

Die fünfzehnjährige Bauerntochter Mary schreibt 1831 ihre ganz persönliche Geschichte auf. Geboren wurde sie als vierte Tochter eines harten und gewalttätigen Vaters und einer gefühllosen und kalten Mutter irgendwo auf dem Land in England. Mary hat milchfarbenes Haar und ein verkrüppeltes Bein. Alle Familienmitglieder, mit Ausnahme des alten Großvaters, schuften auf dem Bauernhof und den umliegenden Feldern. Keiner von ihnen kann lesen oder schreiben. Sie stehen auf, wenn es hell wird und gehen ins Bett, wenn es dunkel wird. Mary schläft mit ihrer Schwester Beatrice in einem Bett.

Zu dem Großvater, der im Untergeschoss bei den Äpfeln einquartiert wurde, hat Mary ein liebevolles Verhältnis. Wenn sie Zeit hat, setzt sie sich zu ihm und sie sprechen miteinander. Mary ist wissbegierig und schlagfertig. Mary arbeitet hart, aber doch im Einklang mit ihrem Leben. Eines Nachts beobachtet sie, wie ihre Schwester Violet ein Stelldichein mit dem Pfarrerssohn Ralph hat. Violet wird schwanger.

Marys Vater gibt Mary gegen Bezahlung als Hausmädchen an den örtlichen Pfarrer, Mr. Graham, ab. Seine Frau ist krank und soll gepflegt werden. Widerwillig verlässt Mary den Hof. Im Pfarrershaushalt gibt es außer ihr als weitere Dienstboten die Köchin Edna und den Gärtner Harry. Die Arbeit ist nicht anstrengend und Mrs. Graham sehr freundlich. Mary lernt ein völlig anderes Leben kennen, aber sie leidet sehr unter Heimweh, wenn auch nicht nach dem brutalen Vater: „…und ich denke wieder an den Abend zurück als wir draußen in der Wärme waren. Wo Großvater in seinem Stuhl saß und wir das Heu aus der Scheune räumten und Mutter mithalf und wir vier Mädchen arbeiteten. Und die Luft war warm und roch nach Sommer und nach dem Hof. Und wenn ich die Zeit anhalten könnte würde ich es tun und ich würde für immer und ewig in jener Minute bleiben.“ (Seite 50)

Doch dann stirbt die Pfarrersfrau und Mary bleibt mit dem Pfarrer allein zurück. Der schickt sie nicht nach Hause zurück, sondern bringt ihr Lesen und Schreiben bei. Dafür muss Mary jedoch einen hohen Preis bezahlen.

„Die Farbe von Milch“ ist ein ungewöhnliches Buch. Inhaltlich und formal. In einfachen Sätzen ohne Satzzeichen lässt Nell Leyshon Mary berichten. Mary, die mit ihren fünfzehn Jahren gerade Lesen und Schreiben gelernt hat. Damit erreicht Leyshon maximale Authentizität für die Stimme ihrer Protagonistin. Und bei mir als Lesende maximale Aufmerksamkeit und Anteilnahme. Die Schriftstellerin Nell Leyshon tritt hinter Marys Bericht, der durch seine Schlichtheit und Direktheit besticht, zurück.

So heißt es in der Einleitung: „Dies ist mein Buch und ich schreibe es eigenhändig. Es ist das Jahr des Herrn achtzehnhunderteinunddreißig und ich bin fünfzehn geworden und ich sitze an meinem Fenster und kann viele Dinge sehen.“ (Seite 7)

Und wenn ich in anderen Büchern die fehlende Interpunktion als Zumutung für die Lesbarkeit empfinde, so hat sie hier ihre Berechtigung und ihren Sinn.

„Die Farbe von Milch“ demaskiert Standes- bzw. Geschlechterunterschiede und falsche Frömmigkeit. Nell Leyshon schreibt kein „Downton  Abbey“. Marys Geschichte offenbart gnadenlos die Macht von Männern und die Ohnmacht der Frauen. Und die Hoffnung, dass dies nicht so bleiben muss. Sie ist ein Plädoyer für Aufklärung, Bildung und Gleichberechtigung.

So wohnt diesem wunderbaren Roman, der jede Leseempfehlung wert ist,  eine (vielleicht) ungeahnte, man denke nur an die weltweite #MeToo Bewegung unserer Tage, Aktualität inne.

Nell Leyshon: Die Farbe von Milch.
Eisele Verlag, September 2017.
208 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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