Marie Aubert: Erwachsene Menschen

Die Norwegerin Marie Aubert (Jahrgang 1979) legt mit „Erwachsene Menschen“ ihren ersten Roman vor. Das Buch ist am 21. April 2021 im Rowohlt Verlag erschienen. Ursel Allenstein übersetzte den Roman aus dem Norwegischen.

Darin erzählt Marie Aubert die Geschichte der vierzigjährigen Ida, die sich mit ihrer Familie in einem Ferienhaus an der Küste Norwegens trifft. Ida ist Architektin und möchte ihre Eizellen in einer Klinik in Schweden einfrieren lassen, damit sie, wenn sie den richtigen Partner gefunden hat, Kinder mit ihm bekommen kann. Marthe, ihre jüngere Schwester, ist mit Kristoffer verheiratet, der eine sechsjährige Tochter namens Olea hat. Sie wollen den fünfundsechzigsten Geburtstag der Mutter feiern. Diese reist mit ihrem Lebensgefährten Stein an. Idas und Marthes Vater hatte sich vor Jahrzehnten von der Familie getrennt und ist inzwischen verstorben. Bevor Ida von ihren Kinderwunsch-Plänen erzählen kann, erklärt Marthe ihr, dass sie schwanger ist. Und Ida erfährt, dass sich eine Eizellenentnahme bei ihr nicht mehr lohnt. Ida lässt ihre Enttäuschung an Marthe aus, flirtet mit Kristoffer und bricht nach einem Streit zu einer Bootstour mit der kleinen Olea auf.

Die liebe Familie in „Erwachsene Menschen“: Marie Aubert lässt sie die Leserinnen und Leser von ihrer Schattenseite sehen. Da ist das jährliche, sommerliche Ferienidyll vor dem sich unerfüllte Wünsche, unausgesprochener Neid, geschwisterliche Rivalität und prägende Kindheitserfahrungen zu einer unguten Mischung verquicken, die in einer Beinahe-Katastrophe endet. Auberts Protagonistin und Ich-Erzählerin Ida kommt als moderne, erfolgreiche Frau daher, die sich jedoch insgeheim nach Partner und Kind, nach einer eigenen Familie sehnt. Die „arme“ Marthe, hat beides. Wie ungerecht. Doch nicht nur das. In Ida brechen alte Wunden aus der Kindheit auf. Geschickt und gar nicht banal erzählt Marie Aubert davon, dass man sich als Geschwister nicht zwangsläufig lieben muss. Und schon gar nicht dann, wenn der andere etwas hat, was man selbst gerne hätte. Und hier geht es nicht um irgendein Spielzeug aus Kindertagen, hier sind es „erwachsene Menschen“, die sich verletzen und kränken. Da sät Ida Zwist zwischen Marthe und Kristoffer, da schmeichelt sie sich bei Olea ein und da giert sie nach der Zuwendung ihrer Mutter. Ida ist ein Biest. Sie spielt ihr Spielchen mit den anderen Figuren. Und das bringt Pfeffer in die Geschichte. Dieser Charakter sorgt für den nötigen Konfliktstoff und die Spannung. An Ida kann ich mich als Lesende reiben.   Sie ist die zentrale Figur des Romans. Die anderen fallen dagegen etwas blasser aus. Dabei ist Marie Auberts Ton unaufgesetzt. Ihre Dialoge sind alltäglich bis bissig.

„Erwachsene Menschen“ knüpft an die Alltagserfahrungen vieler Menschen mit Geschwistern, vieler Familien an. Es kommt in diesem Roman zwar nicht zu einer Katastrophe im Stile antiker griechischer Tragödien, die Konsequenzen familiärer Dysfunktionen schlagen jedoch tiefe Kerben in das System Familie.

Marie Auberts Familienroman ist keine leichte, lockere Sommerlektüre mit Wohlfühlpotenzial, sondern eine tragische Geschichte über die unangenehmen und ballastreichen Erfahrungen „erwachsener Menschen“ mit ihren Liebsten.

Marie Aubert: Erwachsene Menschen.
Rowohlt, April 2021.
176 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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