Julie Estève: Ich, Antoine

Die Französin Julie Estève lebt und arbeitet in Paris, wo sie 1979 auch geboren wurde. Ihr erster Roman „Lola“ erschien 2017 auf Deutsch. Nun hat sie bei dtv ihren zweiten Roman mit dem Titel „Ich, Antoine“ in einer Übersetzung von Christian Kolb veröffentlicht.

„Ich, Antoine“ lebt in den 1980er Jahren auf der Mittelmeerinsel Korsika und ist der Dorftrottel, der „Scheißspasti“. Antoine Orsini saß im Gefängnis. Man hatte ihn für schuldig am Tod der 16jährigen Florence Biancarelli befunden. Nun ist er zurück, spricht mit einem kaputten Plastikstuhl und erzählt ihm seine Geschichte. Antoines Mutter stirbt bei seiner Geburt. Er wächst bei seinem Vater gemeinsam mit seinem Bruder Pierre und seiner Schwester Tomasine auf. Antoines „bester Freund“ ist ein Diktiergerät, das er Magic nennt. Nur die Lehrerin Madame Madeleine kümmert sich um ihn und fördert ihn. Als sie stirbt und Tomasine nach Paris geht, bleibt Antoine traurig und verlassen zurück. Im Dorf wird er von den anderen Bewohnern gemobbt. Er wird zum Außenseiter, der lieber in der Macchia, in den Bergen und Wäldern herumstreift. Antoine terrorisiert Pariser, er klaut ihnen Benzin aus den Tanks ihrer Autos, er belästigt sie mit Anrufen aus der einzigen Telefonzelle des Dorfes. Er schließt einen Deal mit Yvan Castelli, dem Außerirdischen, der heimlich in Florence verliebt ist. Antoine soll Florence im Auge behalten. Antoine fährt sie mit seinem Mofa heimlich in die Disco und erfährt so manches Geheimnis.

Julie Estève hat mit Antoine Orsini, ähnlich wie die Lola in ihrem ersten Roman, einen abseitigen Charakter erfunden. Antoine hat wie Lola in der Kindheit die Mutter verloren. Doch während Lola im Sex nach Erlösung  von ihrem Schmerz sucht, ist Antoine nur in der Natur und mit seinem „besten Freund“ Magic glücklich. Die Mitmenschen spielen ihm böse mit. Ich-Erzähler Antoine ist einfach gestrickt, Julie Estève lässt ihn in einer simplen Umgangssprache erzählen: „Pflanz mich aufn Stuhl, klemm mir dabei dämlicherweise meine weite Hose in dem Sprung in der Sitzfläche ein, zwickt am Popo, ich komm gar nich mehr hoch, muss lachen, krieg nen Schluckauf davon, wein Tränen vor Lachen, psst, psst…“ (S. 10)

Antoine kann einem leid tun, aber er hat auch einen unterschwellig gewalttätigen, beängstigenden Zug. Ich als Lesende traue ihm den Mord an Florence zu und dann auch wieder nicht. Estèves Protagonist ist kein Sympathieträger. Langsam enthüllt Antoine die Wahrheit über den Tod von Florence. Und so viel kann ich sagen, es ist eine zutiefst tragische Geschichte. Julie Estève inszeniert eine klassische „who done it“ – Story in der Enge des Dorfes und zwischen den Geheimnissen seiner Bewohnerinnen und Bewohner. Das ist nicht neu, aber wirkungsvoll. Dabei bedient Antoine das Klischee eines Sündenbocks: einfältig, einsam und wehrlos. Eingebettet in Sequenzen von Antoines Trauerfeier am Anfang und am Ende des Romans tauche ich auf den Seiten dazwischen tief in die Antoines Geschichte ein. Julie Estève erzählt konsequent aus seiner Perspektive. Dabei empfinde ich die Sprache, in der sie Antoine sprechen läßt, nicht immer authentisch, zuweilen konstruiert. Doch deren Inhalt hat es in sich. Antoines Schicksal und die Ungerechtigkeit, die ihm von seiner Familie und den Dorfbewohnern zugefügt wird, gehen zu Herzen. Die Bösen sind hier die Mitmenschen.

Die Wahl des Schauplatzes dieser Geschichte leuchtet mir hingegen nicht so sehr ein. Warum ein Dorf auf Korsika? Nur am Rand fügt Julie Estève korsische Besonderheiten ein wie den Hass der Korsen auf die Franzosen, vor allem die Hauptstädter, und ihren Kampf um Unabhängigkeit oder die wunderbare Landschaft. Das wird der „Île de Beauté“ im Mittelmeer nicht gerecht. So könnte die Geschichte auch in jedem anderen Bergdorf auf dem französischen oder europäischen Festland  spielen.

Julie Estèves „Ich, Antoine“ beeindruckt durch seine klare Außenseiter-Perspektive, sein Spiel mit Vorurteilen und seinen unverstellten Blick hinter die Fassade einer „ehrenwerten“ Dorfgemeinschaft. Lesenswert!

Julie Estève: Ich, Antoine.
dtv, April 2021.
160 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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