Jonathan Franzen: Crossroads

Der US-amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen bildet unter den lebenden Autoren fast eine eigene Liga. Kaum einem anderen gelingt es, seinen Figuren derart viel Tiefe und psychologische Glaubwürdigkeit einzuhauchen wie dem heute 62-Jährigen, der vor 20 Jahren mit seinem Roman „Die Korrekturen“ – ausgezeichnet mit dem National Book Award – Weltruhm erlangte.

In seinem neuesten Wälzer „Crossroads“, dem Auftakt einer Trilogie, geht‘s um eine sechsköpfige Familie Anfang der 1970er Jahre, in der jedes einzelne Mitglied mit nicht eben geringen Problemen zu kämpfen hat. Bei keinem anderen Autor ist auch der Drama-Anteil so hoch wie bei Franzen. In seinen Romanen geht‘s immer um die ganz großen Themen des menschlichen Daseins: Liebe, Sex, schwerste Zerwürfnisse unter Partnern und familiärer Zusammenhalt.

In „Crossroads“ ist da zunächst Vater Russ Hildebrandt, ein evangelischer Pastor, der nur eines im Sinn hat: Er muss ein anderes Gemeindemitglied, Frances, für sich gewinnen – am besten, um gleich ein ganz neues Leben mit ihr zu beginnen. In der Gemeinde hat er einen aufstrebenden jungen Mitarbeiter zum Erzfeind. Und da ist Marion, seine dickliche und psychisch labile Frau, die von ihrem Ex-Lover Bradley träumt. Da ist der älteste Sohn Clem, der Hals über Kopf sein Studium abbricht, um mit der Armee nach Vietnam zu gehen. Da ist die religiöse Becky, die die ersten Freuden und Qualen der Liebe mit Gemeindemitglied Tanner erlebt, und da ist der geniale, aber schwerst drogenabhängige Perry. Allein Jay ist noch zu klein, um Probleme dieser Größenordnung zu haben.

Franzen schreibt seinen Roman abwechselnd aus der Sicht der einzelnen Figuren, und man ist als Leser schnell drin in dieser amerikanischen Familie – und man trauert, wenn man sie nach über 800 hochspannenden Seiten verlässt.

Jonathan Franzen: Crossroads.
Aus dem Englischen übersetzt von Bettina Abarbanell.
Rowohlt, Oktober 2021.
832 Seiten, Gebundene Ausgabe, 28,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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