Johann Scheerer: Unheimlich nah

Johann Scheerer ist der Sohn von Jan-Philipp Reemtsma, dem Erben der Reemtsma Cigarettenfabriken, der 1996 entführt und gegen Zahlung eines Lösegeldes freigelassen wurde. Fortan konnten die Familienmitglieder keinen Schritt mehr gehen, ohne von Sicherheitsleuten bewacht zu werden.

In seinem autobiografischen Coming-of-Age-Roman „Unheimlich nah“ beschreibt Scheerer, wie sich diese Situation besonders für einen Heranwachsenden anfühlt. Wie wirkt es auf Schulfreunde, wenn nach Schulschluss immer die dunklen BWWs an der nächsten Straßenecke warten? Und wie, wenn es zum ersten Mal zu Zärtlichkeiten mit einem Mädchen kommt? Was macht es ganz generell mit einem Kind oder Jugendlichen, wenn er in einer martialischen Macho-Welt aus Waffen und zwar freundlichen, aber stets gewaltbereiten Männern mit Muskeln und Pistolen-Holster unter dem Jackett aufwächst? All diesen Fragen geht Johann Scheerer in seinem Roman nach.

Nicht einfacher wird die Situation, da sich unser Protagonist selbst eher in eine andere Richtung entwickelt. Er schlägt eine Karriere als Rockmusiker ein, schafft es mit seiner Band „Score!“ sogar kurz in die deutschen Top-100-Charts und bewegt sich eher in einem linksliberalen, alternativen Umfeld, das auch dem Drogenkonsum nicht abgeneigt ist – ein Spagat aus unterschiedlichen Lebenswelten, die für den jungen Mann auf engstem Raum zusammenprallen.

Man könnte diesem Roman vorwerfen, dass es keine echten Probleme sind, die er aufgreift. Schließlich muss sich Johann Scheerer dank seines familiären Hintergrunds im Leben nie wieder Sorgen um Geld machen.

Positiv ist, dass der Autor nicht der Versuchung unterliegt, sich selbst nur in rosigem Licht darzustellen. Einmal wird zum Beispiel ein Sicherheitsmann wegen einer Nichtigkeit entlassen, weil der junge Mann in angeschwärzt hat.

Johann Scheerer: Unheimlich nah.
Piper, Januar 2021.
331 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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