Jesper Juul: Leitwölfe sein: Liebevolle Führung in der Familie

Wieso Wölfe, werden Sie sich beim Lesen des Titels vermutlich fragen. Wölfe, das klingt zunächst nach Alphatier und Aggression. Doch Jesper Juul beantwortet die Frage direkt zu Beginn durchaus plausibel: „Es ist für sie eine Überlebensfrage, ihrer Gruppe gut funktionierende Anführer zu sein und sie zusammenzuhalten. Ich denke, der Schlüssel für erfolgreiche Familien heißt bei Menschen wie Wölfen: Beziehung und Vertrauen.“ (Seite 18) Eltern sollen ihre Kinder führen, sprich klar sagen was sie wollen und was nicht. Besonders Frauen tun sich, laut Jesper Juul, mit dieser Aufgabe als Leitwolf jedoch schwer – viel schwerer als die Männer. Er ermutigt sie, ihr „wahres Selbst“ (Seite 77) zu entdecken und dabei die Angst zu bewältigen, als egozentrisch abgestempelt zu werden. Nur wenn sie „ihre persönlichen Grenzen und Bedürfnisse definieren (…) werden sie in der Lage sein, gesunde Beziehungen zu ihren Kindern aufzubauen, die im Gegenzug ebenfalls wachsen und gedeihen können durch die zusätzliche Unabhängigkeit (die Jungen) und durch ein gutes, verlässliches Vorbild (die Mädchen).“ (Seite 83)

Zentral für seine Idee des Erziehungs- bzw. Führungsstils ist Juul vor allem die „Gleichwürdigkeit“ (Seite 24) zwischen Erwachsenen und Kind. Wir Eltern sollten, wenn wir unser Kind wirklich ernst nehmen wollen, seine Wünsche, Bedürfnisse, Gedanken, Ideen und Gefühle ernst nehmen – auch (oder vielleicht auch gerade wenn) sie unseren eigenen entgegengesetzt sind. Wir sollten unseren Nachwuchs genauso ernst nehmen wie uns selbst. Nur so lösen wir den häufig herrschenden Machtkampf innerhalb der Familien auf. „Kinder lernen wie Wissenschaftler und nicht durch Anweisungen, und genau so sollten wir auch mit und von ihnen lernen, um bedeutungsvolle und gesunde Beziehungen mit ihnen zu schaffen.“ (Seite 129)

Wer konkrete Erziehungstipps und viele Praxisbeispiele erwartet, der wird von diesem Buch enttäuscht sein. Was es jedoch bietet sind spannende Denkanstöße, neue Perspektiven und die Möglichkeit zur Hinterfragung unserer Wertvorstellungen. Der Autor selbst sieht sein Buch als politisches Manifest (Seite 114), das „Kinder, Familie und die Frage der Führung zusammenbringt“ (ebd.).

Es ist daher überaus lesenwert für Eltern, Lehrer, Erzieher und auch Politiker. Ein Buch, das zum Nach- und Umdenken anregt!

Jesper Juul: Leitwölfe sein: Liebevolle Führung in der Familie.
Beltz, Januar 2018.
232 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Nadine Roggow.

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