Jenn Lyons: Drachengesänge 03: Die Erinnerung der Seelen

Die Welt befindet sich – einmal wieder – am Rande des Untergangs. Drei Mal schon war es nur den Anführern der Völker zu verdanken, dass das drohende Unheil, ach, was sage ich, die Zerstörung der Welt, der Tod all ihrer Bewohner verhindert werden konnte. Drei Völker gaben, als die acht Götter sie baten, ihre Unsterblichkeit um Vol Karoth, ein künstlich geschaffener Dämon, in seinem Gefängnis zu halten. Dreitausend Jahre haben sie so gewonnen, drei Millenien aber, die die Gefahr selbst nicht bannen konnten. Mittels seines Dieners Relos Var hat Vol Karoth seine Befreiung in die Wege geleitet. Die Götter ersuchen auch die Vané dazu zu bringen, das Ritual, das ihnen ihre Unsterblichkeit nehmen würde zu vollziehen – allein, eine wirkliche Lösung für die Bedrohung scheint dies auch nicht zu sein …

Wir begleiten – wie gewohnt in zwei Zeitebenen und Handlungsgruppen gesplittet – unsere von den Göttern, wie ihrem Schicksal arg gebeutelten Helden. Durch deren Augen sehen wir die Intrigen, die alle beteiligten Parteien anstoßen, erleben die Gefechte, den Verrat und das Leid der jeweiligen Völker mit. Die Autorin hat zu Beginn des erneut sehr umfangreichen Romans versucht, die bisherige Handlung ein klein wenig zusammenzufassen. Leider ist, angesichts der Komplexität des Plots, der vielen für diesen wichtigen Figuren und Erzähler sowie der Tatsache, dass diese in immer neuen, anderen Inkarnationen wieder in das Geschehen eingreifen, dies nicht so richtig befriedigend gelungen. Verbunden mit den ungewöhnlichen Namen der Figuren ergibt sich eine doch recht unübersichtliche Gemengelage die die Leserin oder den Leser, der die ersten beiden ausgezeichneten Romane nicht goutiert hat, hilfslos zurücklässt. Sprich, leider und dies ist wirklich zu bedauern, für Neuleser nicht geeignet. Ohne die Kenntnis dessen, was uns Lyons in den ersten beiden Teilen kredenzt hat, wird man der Handlung schlicht nicht folgen können.

Aber, auch wenn man, wie ich, die beiden Auftaktbände gelesen, ja verschlungen hat, macht es uns die Verfasserin dieses Mal wahrlich nicht einfach. Konnten wir uns in den ersten Teilen zumindest figürlich auf einige wenige Protagonisten konzentrieren, so bietet uns der dritte von projektierten fünf Romanen jede Menge selbiger an. Es gibt diverse Wiedersehen mit Figuren aus den ersten Bänden zu feiern, wir verfolgen unsere Helden, die Götter, ihre Widersacher und noch ein paar neue Handelnde – das wird doch ein wenig unübersichtlich. Das soll nicht heißen, dass das Gebotene nicht in sich stimmig sei, dass es nicht jede Menge faszinierende Konflikte präsentieren würde, von der innewohnenden Dramatik einmal ganz abgesehen, doch all diese geballten Elemente überlasten den Plot einfach ein wenig.

Dazu kommt, dass man, selbst unter Einbeziehung der Stammbäume und des Registers am Ende des Buches, den Überblick über das „wer ist wer“ und das „was will der nun?“ verliert. Lyons hat sich hier ein klein wenig zu sehr von ihrem Figurenkabinett mitreissen lassen. Dabei sind diese, jede Einzelne dieser Gestalten, unterschiedlich und interessant gezeichnet.

Natürlich wuchert sie weiterhin mit ihrem Pfund, uns queere Gesellschaften mit ganz ungewohnten Geschlechterrollen zu zeigen und auch die Drachen spielen – selbstverständlich – wieder eine Rolle. So ist dies ein Band, der mich fast etwas ratlos zurücklässt. Kann, soll ich ihn empfehlen? Unbestritten ist die Faszination, die von dem Beschriebenen ausgeht, die Puzzleteile, die nach und nach in einen Rahmen fallen, die Figuren, die so unterschiedlich, alle aber interessant, ausgestaltet wurden. Aber, der Roman macht es dem Lesenden nicht einfach. Weder der Zugang zur aktuellen Handlung, noch von der Übersichtlichkeit kann man dem Buch eine gute Note ausstellen. Wer die ersten Teile genossen, ja verschlungen hat, der wird sich auch durch diesen Band kämpfen – und es ist ein Kampf, hier angesichts der vielen Namen immer zu wissen, wo wir sind, zu verfolgen, was und wo dieses gerade passiert und wie alles zusammenpasst. Als Belohnung erhält man dann ein faszinierend umfangreiches Bild einer High-Fantasy-Welt das auch und gerade in Details überlegt und ausgearbeitet zu überzeugen weiß.

Jenn Lyons: Drachengesänge 03: Die Erinnerung der Seelen.
Aus dem Englischen übersetzt von Michael Pfingstl & Urban Hofstetter.
Klett-Cotta, Oktober 2021.
976 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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