James Baldwin: Von dieser Welt (1953)

John hat Geburtstag. Er wird vierzehn, und keiner aus der Familie nimmt beim Frühstück seinen Geburtstag zur Kenntnis. Dieser Tag scheint genauso traurig und öde zu verlaufen wie jeder andere auch. Als Ältester hat er seinen Geschwistern gegenüber Verpflichtungen. John, der Vernünftige, der Ruhige, wird gleichzeitig mit Verboten überhäuft.

Am Morgen seines Geburtstages fragt er seine Mutter, ob der Vater ein guter Mensch sei. Wer seine Kinder liebt, der schlägt sie, erfährt er. Doch am Gesicht seiner Mutter erkennt John, dass sie diese Meinung nicht teilt, denn auch sie wird geschlagen und schlecht behandelt. Kurz darauf verspricht sein Tag doch noch richtig gut zu werden. Seine Mutter schenkt ihm ein paar Münzen und freie Zeit, die ihm ein ungestörtes Nachdenken erlauben. Was soll er mit seinem Leben anfangen? Gibt er dem drängenden Wunsch seines Vaters nach und wird ebenfalls Prediger?

James Baldwin, 1924 in New York geboren, war der erste schwarze Künstler auf dem Cover des Time Magazins. Viele Preise und Auszeichnungen zieren seine Werke. Zuletzt erschien eine Dokumentation über sein unvollendetes Buch mit dem Titel »I Am Not Your Negro«, in dem sein Lebensthema über Rassismus in den USA schonungslos abgehandelt wird. In seinem ersten Roman »Von dieser Welt« verpackt James Baldwin die Geschichte dreier Generationen in die Ereignisse eines Tages. Beginnend mit Johns Großmutter, die noch als Sklavin im Süden ohne Rechte am eigenen Kind viel Leid erfuhr und über Johns Vater Gabriel, der seine Orientierung im Leben ohne Vater verlor. Auch die Unfreiheit der schwarzen Frauen wird bei Johns Mutter und Tante thematisiert. Fehlende Bildung gehen mit routinierten Vorurteilen einher, die aus dem nördlich gelegenen New York einen Ort unsäglicher Sünden machen und aus dem Süden eine gottesfürchtige Gegend. Hölle und Himmel, Angst und Armut prägen Johns junges Leben, aus dem er einen Ausweg sucht. Weil Johns Vater ein engagierter Prediger ist, wiegen seine Erwartungen doppelt schwer. Hohe Ansprüche stehen menschlichen Schwächen gegenüber. Auf ein Vergeben und Vergessen darf jeder so lange hoffen, bis die Rechnung präsentiert wird.

James Baldwin zeigt unmissverständlich, wohin die Reise geht, wenn tief verwurzelte Konflikte Kopf und Fuß lähmen. Sein Roman über Schwarze braucht keine grausamen Beschreibungen über Rassismus. Seine Auswirkungen sind verinnerlicht wie ein im Fuß eingetretener Dorn, der sich mit seinen Widerhaken fest eingegraben hat.

James Baldwin: Von dieser Welt (1953).
dtv, Februar 2018.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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