Grazia Deledda: Schilf im Wind (1913)

Betörend schön: Literaturnobelpreisträgerin Grazia Deledda ergießt sich in prächtigen Landschaftsbeschreibungen ihrer Heimatinsel Sardinien. Sie haucht dem Eiland Seele ein.  Die Landschaft korreliert mit den harten Lebensbedingungen auf der Insel zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die mit dem heutigen Hot Spot der Stars und Sternchen wenig gemein hat. Die allgegenwärtige Malaria zehrt die Menschen körperlich aus, die Lebensumstände sind bescheiden, Aberglaube und religiöse Traditionen dafür umso mächtiger.  Im Hintergrund tobt der Krieg mit Libyen, Menschen wandern nach Amerika aus oder versuchen ihr Glück auf dem Festland.

Die meisten Einwohner sind jedoch in ihren Umständen gefangen. Sie ertragen ihr Schicksal mit Demut, ja sogar mit Stolz. Der Knecht Efix ist ein solches Exemplar. Sein ganzes Leben hat er bereits der Adelsfamilie der Pintors gedient. Nach dem Tod des Patrons und der zunehmenden Verarmung der Familie nimmt er nicht nur die Rolle des Gutsverwalters in die Hände. Er ist zudem Vermittler, Kuppler, Seelentröster. Denn ohne Mann im Haus droht den drei verbliebenen und unverheirateten Töchtern Donna Ruth, Donna Esther und Donna Noemi allerlei Ungemach. Noch dazu wo Donna Lia, die vierte Schwester im Bunde, vor Jahren geflohen ist und damit Schande über die Familie gebracht hat. Ausgerechnet ihr Sohn Giacinto, mittlerweile Waise, taucht eines Tages auf Sardinien auf. Große Hoffnungen werden in den jungen, schönen Mann gesetzt. Er enttäuscht sie jedoch allesamt. Giacinto bricht nicht nur die Herzen junger Frauen, sondern auch die seiner in die Jahre gekommenen Tanten. Zu allem Unheil lauert Don Predu, ein Cousin der Familie, bereits darauf, das Gut nach dem Ruin der Schwestern aufzukaufen. Efix muss an allen möglichen Stellen taktieren, besänftigen, im Hintergrund die Fäden ziehen. Warum er sein Leben den drei Schwestern widmet, wird im Verlauf des Buches geklärt. Denn auch der herzensgute Efix hat noch eine alte Schuld abzuleisten…

Dieses 1913 erstmals veröffentlichte Buch ist das Werk einer außergewöhnlichen Autorin. Ihre Frauengestalten proben sich in ersten Emanzipationsbestrebungen. Man brauche keinen Mann zum Überleben, konstatiert die resolute Donna Noemi. Freilich ging die Frauenbewegung damals noch in kleinen Schritten voran. Es genügte, barfuß zum Fluss zu gehen, um einen handfesten Skandal heraufzubeschwören! Auch Grazia Deledda ging ihren eigenen Weg. Nach nur vier Jahren Schule eignete sie sich ihr literarisches Wissen überwiegend autodidaktisch an. Ähnlich wie ihre Romanfigur Lia verließ sie Hals über Kopf die Insel, um im „späten Alter“ von 29 Jahren einen Beamten auf dem Festland zu heiraten.

All diese Informationen finden sich in der liebe- und kunstvoll aufgearbeiteten Neuauflage. Dazu gehört nicht nur die präzisere, aber gleichzeitig modernere Übersetzung. Dazu gehört auch das sommerlich einladende Buchcover, aber vor allem die umfangreichen Zusatzinformationen wie ein Nachwort und ein sehr umfangreiches Register mit Anmerkungen von Jochen Reichel. Hier erfahren wir mehr über geografische oder geschichtliche Besonderheiten, Geistwesen, Schutzheilige und Traditionen wie zur Abwehr von Flüchen. Ein gelbes Band entsprach der eleganten Variante, zur Not wurde Kindern einfach nur ins Gesicht gespuckt, um den bösen Blick abzuwenden. Auch waren die religiösen Feste keinesfalls eine zugeknöpfte Veranstaltung wie viele LeserInnen annehmen würden. Ausgelassene, geradezu ekstatische Tänze kennzeichneten die kirchlichen Feste, bei denen frau auf Tuchfühlung mit potenziellen Heiratskandidaten gehen konnte.

Fazit: Mit diesem Buch versinken LeserInnen durch poetisch ausschweifende Landschaftsbeschreibungen in der Atmosphäre des Südens. Schönheit und Schrecken, Gefühl und Verstand, Schuld und Sühne, Herrscher und Knechte, Männer und Frauen, Tradition und Moderne befinden sich im ständigen Spannungsfeld. Kurz: Grandi emozioni, wie wir sie von italienischen Werken kennen und lieben! Allerdings: Man muss sich auf diesen besonderen Erzählfluss einlassen können. Tun Sie’s. Es lohnt sich.

Grazia Deledda: Schilf im Wind (1913).
Manesse, April 2021.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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