Axel Kutsch (Hrsg.): Versnetze_zwölf

Bereits seit 2008 gibt Axel Kutsch im Verlag Ralf Liebe jährlich die Versnetze heraus. Die Idee hinter den Netzen ist spannend, denn sie verbinden die Verse regional und über die Generationen hinweg. Innerhalb der großräumigen Sortierung nach deutschen Postleitzahlenbereichen erfolgt die Anordnung nach dem Alter der Autorinnen und Autoren – am Beginn stehen jeweils die Jüngsten. Die Bandbreite reicht vom Jahrgang 1929 bis 1997, wobei der Schwerpunkt deutlich auf den Jahrgängen zwischen 1940 und 1970 liegt. Hinzu kommt der „kleine Grenzverkehr“, in dem auch deutschsprachige Lyrikerinnen und Lyriker aus anderen Ländern zu Wort kommen.

Die Vielfalt der Sammlung ist beeindruckend, die unterschiedlichsten Stile und Themen sind vertreten. Rätselhafte Verse wechseln sich ab mit leicht verständlichen, gereimte mit ungereimten, konkrete mit abstrakten, heitere mit ernsten oder gar wütenden. Manche bestehen nur aus wenigen Worten, andere füllen eine ganze Seite. Weiterlesen

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W. Schiffer & D. Gücyeter (Hrsg.): Cinema: Lyrikanthologie

Kino, Cinema, Film – jede und jeder hat dazu wohl andere Assoziationen und Inspirationen. Der Elif Verlag hat Lyrikerinnen und Lyriker eingeladen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen und die entstandenen Werke in der neuen Lyrikanthologie „Cinema“ versammelt, die so vielfältig ist, wie das echte, wahre und erfundene Leben innerhalb und außerhalb der Kinos.

Nicht nur Jenseits von Afrika, Jurassic Park, Cinderella und Mad Men, Aki Kaurismäki, Jim Jarmusch, Alfred Hitchcock und Stanley Kubrick, Porno-, Dokumentar-, Spiel- und Zeichentrickfilme, Isabelle Huppert, Tilda Swinton, Laurel und Hardy, bekannte und unbekannte Filmschaffende, Besucherinnen und Besucher und natürlich Kino und Film „an sich“ – als Gefühl, als Eindruck, als Zufluchtsort und Traumraum – haben in dieser abwechslungsreichen Anthologie größere und kleinere Auftritte. Umrahmt wird die Lyrik von gelungenen Filmidol-Collagen von Stefan Heuer, der auch mit einigen Gedichten darin vertreten ist. Weiterlesen

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Anke Glasmacher: Obstkistenpunk

Da steht eine „sie“ vor der Tür und will nicht eintreten in die Welt dahinter, die auf sie (und vielleicht auch auf die Leserinnen und Leser) fremd und furchteinflößend wirkt. Eine (andere?) „sie“ liegt am Bordstein. Vermutlich vergessen.

Ein „er“ dreht am Flughafen auf dem Band seine Runden, überlegt, ob er einen mitkreisenden Rucksack ansprechen soll, schwingt sich dann doch herunter, verlässt die Halle und fährt mit dem Taxi nach Hause. Oder ist es nicht nur einer? Ist der „er“ vom Anfang der Geschichte ein anderer als der „er“ am Ende?

Um eine „sie“ wächst im Stadtpark ein steinernes Iglu, trennt sie von ihrer Umwelt und wirft sie auf sich selbst zurück. Im „Viertel“ tauchen mysteriöse herrenlose Päckchen auf und im Grab liegen zwei. Doch welche zwei?

Aus diesem Stoff sind die Geschichten von Anke Glasmacher, die mich herausgefordert, aber auch beeindruckt haben. Menschen (oder auch ein Koffer) tummeln sich darin, die wenig von sich preisgeben, nur selten ihre Namen oder Funktionen. Immer wieder habe ich mich gefragt, wer „er“ und „sie“ sind, wie ich sie festhalten und identifizieren kann, um ihnen näher zu kommen. Doch die Geschichten und die Figuren entziehen sich einer einfachen Annäherung. Sie verwirren bewusst, sind Momentaufnahmen aus einer absurden, beängstigenden und komplexen, aber faszinierenden Welt, die stellenweise lose – manchmal nur durch einzelne Worte – verknüpft scheinen. Weiterlesen

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Linda Vilhjálmsdóttir: Freiheit

Freiheit – in diesem Wort steckt eine außergewöhnliche Tiefe und eine Menge Sprengkraft. Wo beginnt die individuelle Freiheit, wo endet sie? Darf oder kann man die persönliche Freiheit einschränken, um eine Gesellschaft als Ganzes freier oder „besser“ zu machen – wie auch immer man „besser“ definiert? Geistige Freiheit, körperliche Freiheit, Entscheidungsfreiheit, gesellschaftliche Freiheit, politische Freiheit, religiöse Freiheit und noch so viel mehr – kann es einen Vorrang für eine Art der Freiheit geben, wenn dies eine andere beschneidet?

Die Antworten auf diese Fragen sind so vielfältig wie die Menschen, die darüber nachdenken. Linda Vilhjálmsdóttir widmet der Freiheit einen Gedichtzyklus, in dem sie darüber aus ihrer Sicht reflektiert. Im Hintergrund steht die Situation ihres Heimatlandes Island währende der letzten Finanzkrise. Doch die meisten ihrer Überlegungen und Einsichten lassen sich ohne weiteres in einen universellen Zusammenhang stellen.

Dies wird schon auf den ersten Seiten deutlich, wenn es heißt:

wir haben
das wort vervielfacht
auf erden

vervielfacht die festungen
zwischen himmel und erde
vervielfacht gott

vervielfacht das lachen
das weinen den hass und die gier
vervielfacht alles
zwischen himmel und erde
alles außer der güte Weiterlesen

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Sigurður Pálsson: Gedichte erinnern eine Stimme

Gewöhnlich beginne ich meine Rezensionen mit einem Einblick in den Inhalt des beschriebenen Buches. Nun habe ich erstmals einen Lyrikband ausgewählt. Doch worum geht es in „Gedichte erinnern eine Stimme“? Erzählen diese Gedichte Geschichten? Ich meine ja. Sie sprechen vom Leben, von den Elementen, die es ermöglichen und bereichern, von Feuer und Schatten, Erde, Stimmen in der Luft, dem Wasser oberhalb und unterhalb.

Der isländische Autor Sigurður Pálsson, der nicht nur in der Lyrik unterwegs war, nimmt die Leserinnen und Leser mit in eine Welt der Poesie, die vom Alltag durchdrungen ist und die den Alltag durchdringt. Beides ist nicht zu trennen.

Gleich im ersten Gedicht „Feuer und Schatten“ ist zu lesen:

Sonnige Heiterkeit
Das ist die richtige Einstellung
So wollen wir ankämpfen
gegen das Bleierne und Dunkle
gegen Unrecht und Gewalt
die ganze lange Liste … Weiterlesen

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Jan Wagner: Die Live Butterfly Show Gedichte

Der Georg-Büchner-Preisträger von 2017 Jan Wagner (Jahrgang 1971) ist der Shooting-Star in der Poeten-Szene. Für seine „Regentonnenvariationen“ erhielt er 2014 den Preis der Leipziger Buchmesse.

Jetzt hat er seinen neuesten Gedichtband mit dem Titel „Die Live Butterfly Show“ veröffentlicht. Das Buch ist am 24. September 2018 bei Hanser Berlin erschienen.

Darin versammeln sich über fünfzig kurze Gedichte über Menschen, Tiere, Länder und Gemüse. Sind es im titelgebenden Gedicht „die live butterfly show“ die flatternden Schmetterlinge oder die schwarzen Krähen im Englischen Garten oder der Hosenträger tragende Onkel, Jan Wagners Gedichte nehmen den Alltag ins Visier.

Und verwandeln ihn in Poesie:

„…trippeln unter den pfauenrädern
der rasensprenger hindurch,
formen wolken-
schwärme, folgen
einander in die wipfeln der kastanien,
eben noch weiß und blühend,
nun verkohlt, nur weil sie dort landen;
ebenholztotem
auf den leeren biertischen im herbst,…“ (kleiner krähenhymnus, S. 19) Weiterlesen

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