Anita Brookner: Ein Start ins Leben

Mit 40 Jahren sitzt Dr. Ruth Weiss an ihrem Schreibtisch, lässt ihr Leben an sich vorüberziehen und fragt sich, was sie zu dem gemacht hat, was sie ist.

Zuallererst gibt sie den Büchern die Schuld, dass sie und ihr Leben so verkorkst sind, dass sie trotz ihrer unbestrittenen Vorzüge, meist ein zurückgezogenes, eigenbrötlerisches Leben führt. Als Literaturwissenschaftlerin haben es ihr besonders die Frauen bei Balzac angetan, bei ihnen sucht sie Halt und Antworten, aber auch andere Geschichten und Romane haben sie schon von frühester Kindheit an geprägt. Doch plötzlich wird ihr klar: Die moralische Erziehung, die sie durch die Literatur genossen hat, ist für den modernen Alltag einfach nicht tauglich.

Und darüber hinaus war niemand in ihrer Verwandtschaft geeignet, ihr einen Weg zu zeigen, wie sie zu einer selbstbewussten, emotional stabilen Frau werden konnte. Einzig das Verhalten der preußisch strengen, den Haushalt dominierenden Großmutter konnte bis zu deren Tod als Richtschnur dienen, die allerdings deutlich überholt war und aus der Zeit fiel. Mit einer im Theater, im Film und zuhause schauspielernden Mutter, die nie erwachsenen geworden war und mit der es nach dem unfreiwilligen Ende ihrer Karriere steil bergab ging und einem Vater, der nur zu gern mitspielte, die Mutter vergötterte, sich aber ab und zu auch seine kleinen Fluchten ohne sie nahm, war Ruth Weiss schon als Jugendliche der Spielball widerstreitender Interessen und trotzdem die einzige in ihrer Familie, die sich erwachsen benahm.

Dr. Weiss ist attraktiv, „aber instinktiv um eine leicht altmodische Erscheinung bemüht“, übergenau und perfektionistisch, leidenschaftlich, aber zurückhaltend, nachdenklich, zur Selbstanalyse neigend, äußerst intelligent und meistens sehr einsam. Sie hat in Paris die Liebe erlebt – zumindest das, was sie dafür gehalten hat -, hat versucht, aus den Familienbanden auszubrechen, ist aber letztendlich immer zurückgekehrt, wenn sie gebraucht wurde und ist das Kind geblieben, das sich für die Eltern verantwortlich fühlt. Niemand scheint ihre wissenschaftlichen Ambitionen wirklich ernst zu nehmen und auch sie selbst lässt ihre Forschung immer wieder ruhen, wenn der Vater oder die Mutter rufen.

„Ein Start ins Leben“ war 1981 Anita Brookners Start in eine Karriere als Autorin, die schon drei Jahre später mit dem Booker-Preis für „Hotel du Lac“ geadelt wurde. Nun erscheint ihr erster Roman – übersetzt von Wibke Kuhn – erstmals auf Deutsch.

In brillanten, klugen Sätze breitet Anita Brookner das Leben der Familie Weiss aus. Ironisch, witzig und gleichzeitig tieftraurig gibt sie dem Leser und der Leserin Einblick in ein System von Persönlichkeiten, die nicht miteinander und nicht ohne einander können. Dabei taucht sie tief in die Psyche ihrer Figuren ein und betrachtet sie gleichzeitig von außen. So gelingt ihr das Kunststück, eine intime, fast liebevolle Subjektivität mit dem oft skurrilen Sichtbaren zu verbinden.

„Sie war geistreich, funkelnd intelligent, reserviert und unberechenbar, und zwar noch viel mehr, als sie selbst beabsichtigte“, schreibt ihr Autoren-Kollege Julian Barnes nach ihrem Tod im März 2016 in seinem Nachruf, der dem Roman vorangestellt ist und genau das (und noch mehr), kann man auch über dieses Buch sagen.

Unbedingt empfehlenswert!

Anita Brookner: Ein Start ins Leben.
Eisele Verlag, September 2018.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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Ein Kommentar zu “Anita Brookner: Ein Start ins Leben

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