Amélie Nothomb: Die Passion

Es gibt kaum eine Geschichte, die so bekannt ist, wie das Leben von Jesus Christus. Sein Leben und seine Taten sind vielfältig aufgeschrieben worden, werden in Kirchen gepredigt und bestimmen viele unserer heutigen Feiertage. Doch wie fühlte Jesus sich eigentlich auf diesem Weg? Was dachte er? Und wie geht es ihm damit, sich für die Menschheit zu opfern?

Amélie Nothomb befasst sich in ihrem neuen Buch „Die Passion“ mit diesen Fragen. Sie beschreibt aus der Perspektive Jesus die Nacht vor seiner Hinrichtung, die er alleine in einem Kerker verbringt. Hier reflektiert er sein bisheriges Leben und versucht, sich selbst Stärke zu geben, damit er ruhig und ohne Angst in den Tod gehen kann. Jesus wird her zutiefst menschlich. Er denkt an seine Frau Maria Magdalena, er beschreibt seinen Groll in Bezug auf die Menschen. Er bedauert, dass seine guten Taten immer auf Unwillen gestoßen sind und niemand das Geschenk einfach annehmen konnte, das ihm gemacht wurde.

Am Ende der Nacht muss der Leser Jesus noch nicht verlassen, er begleitet ihn auf seinem Leidensweg zur Hinrichtung. Man fühlt seinen Schmerz, seine Verzweiflung und auch die Stärke, die er in sich trägt und die ihm von außen gegeben wird. Man erfährt, was er am meisten auf der Welt schätzt und was er am meisten vermissen wird. Auch die Zeit am Kreuz wird beschrieben, bis zum letzten Moment, in dem er seinen Körper verlässt. Es ist zweifellos faszinierend, die bekannte Geschichte in einer so außergewöhnlichen und vor allem persönlichen Form zu lesen. Amélie Nothomb hat mit „Die Passion“ eine mutige Idee umgesetzt und das Ergebnis wird jeden beeindrucken, ob er nun gläubig ist oder nicht.

Es ist eine angenehme Abwechslung, Jesus auch einmal von seiner verletzlichen, menschlichen Seite kennenzulernen und die Ereignisse der Passion aus seiner Sicht zu verfolgen. Der Text lässt sich gut lesen und regt zum Nachdenken an. Obwohl er nicht sonderlich lang ist, klingen die Worte noch lange im Leser nach und bleiben in Erinnerung.

„Die Passion“ von Amélie Nothomb kann jedem empfohlen werden, der sich mit Religion auseinandersetzten will oder der eine andere Perspektive auf eingefahrene Zusammenhänge zu schätzen weiß.

Amélie Nothomb: Die Passion.
Diogenes, Oktober 2020.
128 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Isabella M. Banger.

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