Adriana Popescu: Wie ein Schatten im Sommer

Der Umzug aufs Land ist eine echte Umstellung für die Münchnerin Vio – und dennoch kommt er wie gerufen, denn sie hat genug, wovor sie davonlaufen will. Ein Neuanfang also. Eine neue Chance. Neue Leute, die nicht alles über sie wissen und sie nicht verurteilen. Walddorf heißt der neue Ort und wird seinem Namen gerecht: Eingekesselt von Wäldern und abgeschnitten von der Außenwelt. Der Richtige Platz, um zur Ruhe zu kommen. Vio findet schnell Anschluss und versteht sich großartig mit dem Pizzaboten Konstantin, mit dem sie immer mehr Zeit verbringt. Alles scheint perfekt. Der perfekte Sommer. Fahrradausflüge, Nachmittage am Badesee und nächtliche Partys bei Vios neuen Freunden.

Eine Idylle, die zerstört wird, als jemand ausländerfeindliche Parolen an die Wände des nichtfertiggestellten Flüchtlingsheims schmiert. Auf einmal hinterfragt Vio alles, was sie um sie herum geschieht und merkt immer mehr, dass die Engstirnigkeit des Dorfes vielleicht doch größer ist als dessen Frieden. Und nicht nur das. Immer wieder wenden die unreflektierten oder gewollt provozierenden Kommentare sich auch gegen sie selbst, die als Tochter rumänischer Einwanderer von manchen nicht als Deutsche angesehen wird. Zum Glück sind aber nicht alle so. Konstantin zum Beispiel würde nie so etwas tun. Nur: Warum trifft er sich immer häufiger mit den älteren Jungs, die Vio und ihre Eltern beleidigen und provozieren? Warum wirkt er immer abwesender? Und wohin verschwindet er mitten in der Nacht?

Für ein Buch mit einem derart schweren Thema wie Rassismus und Zivilcourage habe ich es ziemlich schnell verschlungen. Die Geschichte geht einem sehr, sehr nahe, weil sie eben sehr wichtige Themen anspricht, die man mit einer gesunden Portion Empathie kaum ertragen kann. Dabei ist das Ganze in eine leichte, unterhaltsame Sprache verpackt und in eine ganz normale Jugendbuchhandlung verflochten. Und dennoch: Beim Lesen tut es regelrecht weh, dass Vio die einzige ist, die aufsteht, wenn sie etwas Falsches sieht, die einzige, die sich traut, mit ihrer Meinung gegen die aller anderen zu stehen, die viel lauter sind als sie. Genauso schmerzhaft ist es, Konstantins Verwandlung zu folgen, der unbedacht und unbewusst immer weiter in die Fänge der rassistischen Gruppe gerät, von der er sich nur die Anerkennung wünscht, die er zu Hause im Schatten seines großen Bruders nie bekommt.

Ich weiß nicht, ob ich das Buch jüngeren Jugendlichen empfehlen würde, weil der Inhalt so hart und so verstörend ist. Aber gleichzeitig ist er auch so war und es ist so wichtig, dass Aufklärung betrieben wird, damit die geschilderten Szenarien irgendwann reine Fiktion sein können. Ich würde sagen, dass 16+ ein gutes Alter ist, um diese Lektüre zu behandeln. Auch wenn Themen wie die erste große Liebe eher in die Kategorie 14+ passen, darf man auf keinen Fall denken, die Geschichte werde dadurch irgendwie langweiliger. Sie ist durchgehend spannend aufgebaut, Geheimnisse der Figuren erfährt man nur stückchenweise und es ist wirklich schwer, das Buch aus der Hand zu legen.

Insgesamt also eine riesige Empfehlung: „Wie ein Schatten im Sommer“ ist wahnsinnig gut geschrieben und behandelt Themen, bei denen niemand wegschauen sollte.

Adriana Popescu: Wie ein Schatten im Sommer.
cbt, September 2021.
480 Seiten, Taschenbuch, 14,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Isabella M. Banger.

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