Muriel Spark: Die Blütezeit der Miss Jean Brodie (1961)

Dieser Roman wird oft mit „Der Club der toten Dichter“ verglichen. Nicht ganz zu Unrecht. Die Thematik ist ähnlich. Hier ist es eine Mädchenschule, in der die unkonventionelle Miss Brodie ihren Schützlingen „Flausen in den Kopf setzt“, um sie für das Wahre und Schöne zu gewinnen, damit sie später zur „Crême-de-la-Crême“ gehören. Doch dieser Roman geht weiter. Er ist witziger, boshafter, sexueller, komplexer und damit faszinierender. Seine Heldin Miss Brodie ist streitbar. Sie schwärmt nicht nur für italienische Renaissancemaler wie Giotto, sondern auch für Mussolini. Neben den vielschichtigen Charakteren sind es vor allem Aufbau, Stil und Sprache, die dieses Meisterwerk so besonders machen.

Sie sind anders, als andere: Die Rede ist von der Brodie-Clique. Sechs Mädchen, die von ihrer Lehrerin in besonderem Maße gefördert werden. Miss Brodie lädt sie zu sich nach Hause zum Tee ein, besucht mit ihnen das Theater, zeigt ihnen die zwielichtigen historischen Altstadtviertel von Edinburgh. Jedes der Mädchen ist für ein besonderes Talent bekannt: Eunice ist sportlich, Rose hat ein besonderes „Gespür“, das in späteren Jahren als Sexappeal definiert wird, Monica gilt als Mathematikgenie, die hübsche Jenny entwickelt ein Talent fürs Schauspiel, während ihre beste Freundin Sandy für ihre kleinen Augen berüchtigt ist, die jedoch eine Menge sehen. Sie ist es, in die Miss Brodie ihre größten Hoffnungen setzt. Nur die letzte im Bunde, Mary, ist mit wenigen Gaben gesegnet. Aber ein schwaches Mitglied, das sich trefflich herumschubsen lässt, braucht jede Gruppe.

Sie alle werden von Miss Brodie zum ersten Mal im Alter von 10 bis 11 Jahren unterrichtet und später, als sie zu anderen Lehrern auf die Senior School wechseln, sogar als Verbündete in ihre Privatangelegenheiten involviert. Miss Brodie, Anfang Vierzig, befindet sich nämlich intellektuell, körperlich und in jeder Beziehung in ihrer Blütezeit! Sie ist unglücklich in den bereits verheirateten Kunstlehrer verliebt und beginnt daher eine Affäre mit dem Musiklehrer. Doch ihr größtes Projekt sind ohnehin die Mädchen, die sie nach ihren Vorstellungen formen will. Die Schulleitung hadert sowohl mit Miss Brodies Unterrichtsmethoden, als auch mit ihrem verrufenen Privatleben und möchte sie möglichst schnell loswerden. Doch die Clique hält fest zu ihrer Lehrerin. Miss Brodie gibt allerhand Anlass zur Spekulation, aber ohne eindeutige Beweise. Erst acht Jahre später wird Miss Brodie verraten – von einem ihrer Mädchen.

Dies ist der Ausgangspunkt der Geschichte, der ziemlich schnell klar gemacht wird. Hier bedient sich die Autorin einiger herausragender Kniffe, um Spannung aufzubauen. Der Plot pendelt kontinuierlich zwischen den kindlichen, jugendlichen und erwachsenen Brodie-Mädchen. Diese Zeitsprünge bewirken einerseits, dass wir als Leser ziemlich früh über den Tod oder die Berufslaufbahn der Mädchen informiert werden. Andererseits erfahren wir erst nach und nach, was zu den Charakterentwicklungen, Brüchen und letztlich zum Verrat an Miss Brodie geführt hat. Muriel Spark versteht ihr Handwerk. Sie reflektiert und erklärt nicht, vieles bleibt ungesagt. Der Leser wird dazu angeregt, die Erklärung zwischen den Zeilen zu suchen. Indem, was die Mädchen im Alter von 10, 18 und 48 Jahren sagen und tun. So ändert sich natürlich die Sicht auf Miss Brodie, zum Beispiel auf ihr Sexualleben. Zu Beginn sind die Mädchen noch zu jung, später spielen eigene Gefühle wie Eifersucht mit und erst viele Jahre später erkennt die betroffene Verräterin das Ausmaß ihrer Tat aus der historischen Perspektive. So ist dieser Roman gleichzeitig ein herausragendes literarisches Werk über das Erwachsenwerden mit all seinen Irrungen und Wirrungen.

Sind die Mädchen bereits komplexe Charaktere, so ist es Miss Brodie erst recht. Sie liebt schöne Dinge, hält zu traditionellen Werten, praktiziert aber eine offene Sexualität. Ihre Ansichten schwanken zwischen divenhaft, grotesk und weise. So verachtet sie allen Teamgeist, da er jegliche Individualität ersticke, ist aber gleichzeitig angezogen von Hitlers Marschtruppen in Deutschland. Erziehung bedeutet für Miss Brodie nicht „haufenweise Wissen in den Kopf des Schülers zu zwingen“, sondern ein „Hervorziehen von etwas bisher noch nicht Entdecktem.“ Montessori und Mussolini – für Miss Brodie geht beides zusammen.

Fazit: Viel komplexer und faszinierender als „Der Club der toten Dichter“.  Charaktere, Aufbau, Stil, Settings – hier greift einfach alles perfekt ineinander. Ein starker Plot mit starken Frauenfiguren. Das Time-Magazin wählte dieses Werk zu den 100 besten Romanen der englischsprachigen Literatur. „The Guardian“ nahm es in die Liste der Bücher auf, die jeder im Laufe des Lebens gelesen haben sollte. Diese Neuausgabe ist von Andrea Ott übersetzt worden und enthält ein begeistertes Nachwort der schottischen Autorin Candia McWilliam.

Ein Klassiker, eine Empfehlung, ein Muss!

Muriel Spark: Die Blütezeit der Miss Jean Brodie (1961).
Diogenes, August 2018.
240 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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