Matthias Nawrat: Reise nach Maine

Die USA-Reise des Protagonisten mit seiner Mutter verläuft ganz anders als gedacht. Zu Beginn wollen Sohn und Mutter sich gemeinsam für eine Woche in New York aufhalten. Danach ist geplant, dass der Sohn, ein Schriftsteller, alleine den Bundesstaat Maine bereist, während seine Mutter bei einem Freund in Texas verweilt, was diese dann aber plötzlich doch nicht mehr will. So bahnt sich bereits im Vorfeld der erste Konflikt an. Der Sohn zeigt sich wenig begeistert von der Aussicht, nun die gesamte Urlaubszeit mit seiner Mutter verbringen zu müssen. Immerhin hat er seine eigenen Pläne von Urlaubsgestaltung, die er ohne Einschränkungen und Rücksichtnahmen wahrnehmen möchte. Ohnehin ist die Reise für ihn  eher eine Pflichterfüllung und großzügige Geste der Mutter gegenüber. Die Mutter dagegen scheint die gemeinsame Urlaubszeit eher als Selbstverständlichkeit zu betrachten. Dabei ist das Verhältnis der beiden nicht übermäßig herzlich. Man hat sich über die Jahre auseinandergelebt, beide haben sich ihr Leben nach den jeweiligen eigenen Vorstellungen eingerichtet.

Kurz nach der Ankunft in ihrer gebuchten Privatunterkunft in New York stürzt die Mutter und braucht ärztliche Hilfe. Hieraus ergeben sich Entwicklungen mit Begegnungen, die absolut nicht geplant waren und sonst nie stattgefunden hätten.

Der sehr eigenwillige Charakter der Mutter, die im Osten Deutschlands geboren und aufgewachsen ist, zeigt eine Frau auf, die jeder irgendwie zu kennen glaubt. Im Grunde meint sie es immer nur gut, mit ihrer umsichtigen, hinterfragenden aber immer selbstbewussten Art. Ihre Lebensweisheiten, die durch ihre gelebte Ost-West-Biografie geprägt sind, dominieren ihr Verhalten und alle Konversationen. Dabei ist es ihr ein Anliegen, den Menschen, denen sie begegnen, zuzuhören. Das Kennenlernen des Landes, das sie bereisen, rückt eher in den Hintergrund. Doch in den Gesprächen öffnen sich Einblicke in fremde Biografien, die wunderbar typisch einen Blick auf die amerikanische Gesellschaft und das Land widerspiegeln. So entwickelt sich der Roadtrip immer mehr zu einer Reise um die Befindlichkeiten verschiedener Personen, die die Wege des Mutter-Sohn-Gespanns kreuzen. Daraus resultieren wiederum ganz natürliche Annäherungen vom Sohn zur Mutter und umgekehrt, was den anfänglichen Unmut des Sohnes über das Verhalten der Mutter, die unbewusst den Reiseablauf vorgibt, milder stimmt. Auf die Angespanntheit des Urlaubsbeginns folgt ein sukzessives Herantasten, das am Ende in versöhnliche Toleranz mündet.

Matthias Nawrat weiß, wovon er schreibt, zumal sich viele Parallelen zu seiner eigenen und der Biografie der Mutter finden. Dieses Mutter-Sohn-Verhältnis ist exzellent karikiert. Typische Szenen mit Wiedererkennungswert zeigen das Verhältnis zwischen Alt und Jung, gestern und heute und auch den kulturellen Unterschied zwischen Amerikanern und Deutschen auf.

Matthias Nawrat: Reise nach Maine.
Rowohlt, Juli 2021.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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