Marianne Kaurin: Irgendwo ist immer Süden

Das Leben ist kompliziert, wenn man elfeinhalb und erst seit einem Jahr in der Klasse ist. Wenn man in einem heruntergekommenen Block des Tyllebakken Bauvereins wohnt mit einer Mutter, die immer müde ist und nicht arbeitet.

Es ist der letzte Tag vor den Sommerferien. Ina ist noch immer ohne Freunde und wünscht sich sehnlichst, Teil der Gruppe um Mathilde und Regine zu sein. Sie sind die coolsten Mädchen. Doch Ina ist für sie entweder unsichtbar oder – viel schlimmer – ein Grund zur Belustigung. Alles andere als cool ist auch Vilmer, der ab dem nächsten Schuljahr in ihre Klasse gehen wird und sich schon mal vorstellen soll. Sein hässliches T-Shirt und die viel zu große Hose lassen ahnen, wo er neu hingezogen ist: Nach Tyllebakken. Güllebakken, spotten die anderen. Mathilde schlägt vor, dass alle in der Klasse erzählen sollen, was sie in den Sommerferien Tolles vorhaben. Eine geplante Reise klingt großartiger als die andere – Ina bleibt nichts anderes übrig als zu flunkern. Sie behauptet, in den Süden zu fahren. Dabei wird sie nirgendwohin reisen, sie kann froh sein, wenn die Mutter es schafft, jeden Morgen aufzustehen. Damit die Mutter sich keinen Kummer macht, weil Ina keine Freunde findet, hat Ina sich eine beste Freundin ausgedacht, Maria.

Ausgerechnet in diesen Sommerferien muss die Mutter einen Kurs machen, um endlich einen Job zu kriegen. Niemand soll herausfinden, dass Ina in Wirklichkeit zu Hause ist. Sie bleibt tagelang in der Wohnung, erzählt Mutter und Oma, dass sie mit Maria zur Badebucht unterwegs gewesen sei. Keine der beiden fragt nach. Überhaupt kümmert sich niemand so recht um Ina – bis Vilmer sie aus ihrer selbst auferlegten Gefangenschaft holt. Auch er fährt nirgendwohin. Sein Vater trinkt zu viel und ist chronisch pleite.

„Man kann selbst entscheiden, wo der Süden ist“, sagt Vilmer. „Also kann der Süden doch auch hier sein.“ In einer verlassenen Hausmeisterwohnung bauen die beiden ihren eigenen Süden mit Strand, Pool, Spa und allem, was dazu gehört. Sie sind glücklich im Süden – bis der Schwindel auffliegt.

Trotz der vielen Probleme in Inas Leben erzählt die norwegische Autorin Marianne Kaurin mit großer Leichtigkeit die Geschichte dieses besonderen Sommers. Ganz nebenbei und ohne erhobenen Zeigefinger geht es um das, was wirklich wichtig ist: echte Freundschaft, die Fähigkeit zu verzeihen, die Macht der Phantasie, den Mut, man selbst zu sein. Wer weiß, vielleicht gehen die drei verrückten Wünsche in Erfüllung, die Ina am letzten Schultag auf einen Zettel geschrieben hat.

Klare Leseempfehlung nicht nur für diejenigen, die in diesem Sommer zu Hause bleiben müssen, sondern für alle, die träumen wollen. Empfohlenes Lesealter: ab 10 J.

Marianne Kaurin: Irgendwo ist immer Süden.
Woow Books, Januar 2020.
240 Seiten, Gebundene Ausgabe, 15,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Ines Niederschuh.

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