Karsten Dusse: Achtsam morden

Zum Totlachen! Achtsamkeitsübungen integriert in einem schwarzhumorigen Krimiplot – Karsten Dusse hat mit diesem Roman eine literarische Lücke geschlossen. Erkenntnis: Unliebsame Geschäftspartner lassen sich ganz tiefenentspannt aus dem Weg räumen, ohne schlechtes Gewissen! Beißt der Boss durch unterlassene Hilfeleistung ins Gras, liegt dies nicht an böser Absicht. Weit gefehlt! Es liegt lediglich daran, dass man in diesem Moment einfach fokussiertes Singletasking betrieben und sich auf die eigene Zeitinsel zurückgezogen hat. Wer unkooperativen Geschäftspartnern die Nase bricht, tut dies selbstverständlich nur, weil er deren innerste Bedürfnisse erkannt hat. Das Gegenüber hatte das Bedürfnis nach Krawall. Den hat er bekommen. Wenn einem ein Haufen Krimineller nach dem Leben trachtet, ist es hilfreich, sich den Begriffen Sicherheit und Unsicherheit völlig wertfrei zu nähern… schon sieht das Leben wieder rosig aus. Und mit der richtigen Atmung bringt einen auch ein explodierter Firmenwagen nicht aus der inneren Mitte.

Zur Story: Björn Diemel hat Probleme. Er ist völlig überarbeitet, bekommt seine Tochter kaum noch zu Gesicht, seine Ehe liegt in Scherben. Als Anwalt sind ihm alle Aufstiegschancen in der Kanzlei verwehrt. Leider ist er zuständig für den „Bäh“-Kunden Dragan, dem Chef eines Verbrechersyndikats.

Dieses Klientel bringt viel Geld ein, ist allerdings nicht vorzeigbar. Welche Kanzlei will sich schon mit Menschenhandel, Prostitution, Drogen- und Waffengeschäften schmücken? Zudem sind Dragans Geschäftsmethoden nicht gerade subtil. Als ihn eine Schulklasse dabei filmt, wie er gerade einen Kontrahenten auf einem abgelegenen Autobahnrastplatz zu Tode prügelt, wird es auch Björn zu bunt. Etwas muss sich verändern. Wie gut, dass seine Frau ihn zum Besuch eines Achtsamkeits-Coachs gezwungen hat. Überrascht stellt Björn fest, dass die Lebensweisheiten seines Coaches Joschka Breitner zu Themen wie „Wahrnehmung ohne Bewertung“ ihm tatsächlich dabei helfen, kniffligste Situationen zu meistern. Mit einer absichtsvollen Zentrierung ist es sogar möglich, den moralischen Kompass beliebig auszurichten. Harte Zeiten erfordern unkonventionelle Lösungen. Auch wenn man dabei Polizisten erpressen, Mieter verprügeln und Profi-Killer gegeneinander ausspielen muss.

Karsten Dusse schöpft in diesem Roman das ganze Repertoire seines schwarzen Humors aus. Vor seinen bösartigen Spitzen ist niemand sicher: Ob Latte-Macchiato-Mütter, Hippster, „Arschloch-Kinder“, liebestolle Polizisten, die russische Küche oder cholerische Gangster. Jedes Kapitel beginnt mit einer Lebensweisheit aus dem fiktiven Ratgeber „Entschleunigt auf der Überholspur – Achtsamkeit für Führungskräfte“ seiner Romanfigur Joschka Breitner. Im dazugehörigen Plot wird Hauptfigur Björn genau diese Lebensweisheit auf die Sprünge helfen, allerdings oft in einer ganz unerwarteten Weise. Die Gegenüberstellung von schöngeistiger Ratgebersprache und den kurios-derben Szenarien der Unterwelt schafft Raum für viel Situationskomik.

Autor Karsten Dusse weiß, wovon er spricht: Er ist Rechtsanwalt und als Autor für verschiedene Fernsehformate tätig. Seine Arbeit wurde unter anderem mit dem Deutschen Fernsehpreis und dem Deutschen Comedy-Preis ausgezeichnet. Bleibt zu hoffen, dass er nach seinem Romandebüt noch weitere schöngeistig-derbe Publikationen hinterherschiebt.

Fazit: Karsten Dusse schließt eine literarische Lücke! Er fügt zusammen, was schon längst zusammengehört hätte. Weisheiten aus Achtsamkeits-Ratgebern mit Pulp-Fiction-ähnlichen Krimiszenarien. „Achtsam morden“ ist im wahrsten Sinne des Wortes zum Totlachen…

Karsten Dusse: Achtsam morden.
Heyne, Juni 2019.
416 Seiten, Taschenbuch, 9,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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