K.J. Parker: Sechzehn Wege, eine befestigte Stadt zu verteidigen

Das Glück war mir Zeit meines Lebens hold. Nicht, dass ich nicht so einiges zu überstehen hatte, doch ingesamt kann ich mich wirklich nicht beklagen. Gestatten, dass ich mich vorstelle? Orhan der Name, Sohn des Siyyah Doctus Felix Praelarissimus. Als ich sieben Jahre alt war, wurden meine Eltern bei einem Überfall ermordet, ich geriet in Sklaverei. Glücklicherweise – ich erwähnte meine Fortune bereits, oder? – lernte ich dann das Zimmerhandwerk, konnte ganz gut mit Säge und Hobel umgehen. Als die kaiserliche Armee meine Sklavenhalter überfiel, nahm sie mit diesen auch mich gefangen. Tischler kann man immer gebrauchen, ergo erhielt ich als Milchgesicht die Staatsbürgerschaft, und wurde dem Ingenieurkorps zugeteilt. Dann begann mein kometenhafter Aufstieg. Das hatte man noch nicht gesehen im von den blau-häutigen Robur geführten Reich – ein Milchgesicht als Regimentschef der Ingenieure!

Als eine fremde Macht meine Stadt überfällt, geschickterweise, das muss ich ihnen schon zugestehen, vorher alle Soldaten ausser Gefecht setzt – so wie in töten, massakrieren, abschlachten – komme ich gerade von einem Brückenbau irgendwo im Nirgendwo zurück. Der Kaiser liegt mit einem Schlaganfall darnieder, der Einzige, der von der Armee noch übrig ist, bin – ich? Also frischauf, nichts wie weg – denken sie jetzt. Da ich aber meinen Feinden viel verdanke – siehe oben – entschließe ich mich lieber dafür, die Stadt zu verteidigen. Fünfzehn Wege eine befestigte Stadt zu verteidigen gibt es – ich weiß, dass es so nicht funktioniert. Also muss ein neuer, ein sechzehnter Weg her. Also die beiden Gilden an den Tisch geholt und in den Widerstand eingebunden.

Das geht natürlich nicht ohne jede Menge Bestechung, Lügen und der einen oder anderen Erpressung. Auch Falschmünzerei und die Entwicklung neuer, revolutionärer – nicht meine Ausdrucksweise! – Kriegsführungsstrategien kommt ganz gut. Dabei verursache ich viel zu viel Leid, erlange viel zu viel Aufmerksamkeit als einem Milchgesicht zusteht – und werden entsprechend angegangen …

Hinter dem Pseudonym K. J. Parker versteckt sich niemand anderes als Tom Holt. Vor einigen Jahrzehnten erschienen einige seiner humorvollen Fantasy-Romane auch bei uns (Heyne Verlag), seitdem ist es aber leider ruhig geworden, um den Erzähler. Vorliegend präsentiert uns Panini in seiner neu gestarteten Fantasy-Edition einen Zweiteiler aus Holt / Parker´scher Feder. Das Buch selbst kommt uns als Paperback in Klappbroschur und der markanten, die Reihe prägenden Aufnahme des Titelbildmotivs auf dem Buchrücken daher. Allerdings hat Panini die Umschlagpappe derartig dünn gewählt, dass ein Lesen der Bücher ohne entsprechende Knicke im Rücken leider unmöglich ist. Soweit zum Äußeren, dessen Titelbild wunderbar stimmig zum Inhalt passt. Und selbiger hat es in sich! In einem lakonisch-selbstironischen Ton plaudert da ein Lebenskünstler aus dem Nähkästchen. Ohne jegliche Beschönigungen schildert unser Orhan die dramatischen Ereignisse, die ihn die Treppe des Erfolgs und der ungewollten Verantwortung immer weiter hinaufspült.

Gerade weil Parker seinen Ich-Erzähler so ehrlich berichten lässt, wirkt der Text authentisch, aber auch sehr unterhaltsam. Orhan ist ein Schlitzohr, aber eines mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Bei all den ihm begegnenden Animositäten, den Vorurteilen, dem Rassismus der Blauen gegenüber den Weissen bleibt er integer und erstaunlicherweise um das Gemeinwohl bemüht. Für ihn selbst wäre es doch viel einfacher vor der Invasion zu fliehen – Schreiner braucht man immer – auch seine Untergebenen im Ingenieurkorps fänden überall freudige Aufnahme. Statt dessen stellt er sich der Verantwortung und darf sich mit jeder Menge Problemen, Gefahren und Bedrohungen herumschlagen – und dies, ohne dass er etwas davon hat!

Das liest sich sehr interessant, bietet der Leserin respektive dem Leser überraschend wenig Gewaltdarstellungen an, fokusiert mehr auf die Figuren und deren Schicksal. Eben jene Gestalten sind es also, die dem Roman sein Gepräge geben. Sie alle bleiben dem Leser (m/w/d) im Gedächtnis, nehmen vor unserem inneren Auge Gestalt an. Mehr noch, ihre Handlungen sind in sich stimmig und für den Lesenden jederzeit nachvollziehbar. Dass bei all den dramatischen Ereignissen und der Bedrohungslage der Humor in den oft skurrilen Situationen nicht zu kurz kommt, zeigt uns das Können und die Klasse Parkers / Holts.

So ist dies ein erster Band eines Zweiteiler, der Appetit auf mehr aus der Tastatur des Verfassers weckt. Ein Roman, der abseits großer Gewaltdarstellungen mit fixen Ideen und sympathischen Gestalten zu punkten weiß und bestens unterhält. Bitte mehr davon!

K.J. Parker: Sechzehn Wege, eine befestigte Stadt zu verteidigen.
Aus dem Englischen übersetzt von Peter Bondy.
Panini, Oktober 2021.
400 Seiten, Taschenbuch, 17,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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