Jessica Townsend: Nevermoor 01: Fluch und Wunder

Willkommen in Jackelfax, der Hauptstadt von Great Wolfrace. Hier lässt es sich gut leben, hier herrscht Zucht und Ordnung – dafür sorgt schon Kanzler Crow, der auch zu Hause ein strenges Regiment führt. Natürlich hat es der Kanzler auch nicht leicht – seine erste Ehefrau verstarb, ihre gemeinsame Tochter ist dazu verflucht, nicht nur Unheil um alle um sie herum zu bringen, sondern sie wird in der Abendzeit, an ihrem bevorstehenden elften Geburtstag sterben.

Vorhang auf für Morrigan Crow. Sie weiß, dass ihr Vater sie nur für seine Karriere benutzt, ihre Stiefmutter sie hasst und selbst ihre Großmutter, ihr gegenüber distanziert bleibt. Dass sie keine Freunde hat, dass sie das väterliche Anwesen Crow Manor nicht verlassen darf, um nur ja niemanden mit ihren Fluch heimzusuchen, macht ihr Dasein einsam und elend. Als Fluch-Kind wird ihr für alles, was den Menschen Schlechtes widerfährt die Schuld in die Schuhe geschoben. Ein trauriges Leben, ein einsames und düsteres Dasein noch dazu, das unsere Morrigan da führt. Trotzdem bekommt sie als einziges Kind ihres Jahrgangs nicht ein, nicht zwei sondern gleich vier Angebote für eine Lehrstelle. Unerhört, ein veritabler Skandal, wer will schon ein verfluchtes Mädchen ausbilden, das in ein paar Tagen sterben wird? Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen? Der Aufschrei der Bevölkerung ist groß, beim Kanzler regiert Panik, könnte der Skandal doch seine Wiederwahl gefährden. Ein Mr. Jones, Abgesandter des unermesslich reichen Ezra Squalle ist einer derer, die Morrigan verpflichten wollen. Das kann, das darf, das wird nicht sein.

Doch dann steht plötzlich ein gewisser Jupiter North im Esszimmer der Crows und entführt just zur Abendzeitnacht Morrigan in die geheime Stadt Nevermoor. Hier im mondänen Hotel Deucalion findet sie erstmals in ihrem Leben Aufnahme, Anerkennung und Freunde. Dass North sie zur Prüfung um die Aufnahme bei der Wundersamen Gesellschaft anmeldet aber macht sie stutzig. Sicherlich, sie ist illegal eingereist, und nur wenn sie die Aufnahmeprüfungen meistert, darf sie offiziell bleiben. Doch Jeder, wirklich ein Jeder, der bei der Gesellschaft vom jeweiligen Förderer angemeldet wird, hat ein besonderes Talent. Nur unsere Morrigan, so findig und mutig sie auch ist, zeigt keine besondere, außergewöhnliche Begabung.

Im Verlauf der Prüfungen findet sie wahre Freunde, aber auch Neider und fiese Gegner – und sie trifft immer wieder auf Mr Jones, der ihr im Auftrag von Squalle weiterhin Angebote unterbreitet – irgendetwas Besonderes muss sie doch können, sonst wären derartig mächtige Menschen nicht an ihr interessiert? Zunächst aber gilt es, die Prüfungen erfolgreich hinter sich zu bringen – wartet die von einer fiesen Konkurrentin in Marsch gesetzte Obrigkeit doch bereits darauf, Morrigan aus Nevermoor zu deportieren …

Was ist das für ein Auftakt einer Trilogie, die uns der Dressler Verlag hier offeriert? Endlich einmal kein Internat für angehende Zauberer, auch keine wandelnden Untoten, sondern eine Handlung, wie man, wie ich sie so noch nicht gelesen habe.

Zunächst wird uns unsere Erzählerin vorgestellt – ein Mädchen, das verflucht ist, das selbst von ihrer Familie ungeliebt und unerwünscht ist, das bald sterben wird. Da kommt Mitleid auf, zumal wir uns in ihre Rolle bestens hineinversetzen können. Die Verzweiflung, das vorsichtige Aufbegehren und die Resignation, die sie umtreiben können wir bestens nachvollziehen. Um so mehr nimmt sie die Chancen, die ihr geboten werden wahr. Hier, im Hotel mit Riesenkatzen, Vampirzwergen und Norths Neffen findet sie erstmals in ihrem Leben so etwas wie eine Heimat. Gerade aus dem Unterschied zwischen dem tristen Jackelflax und dem bunt schillernden Nevermoor zieht die Handlung viel Flair. Dazu kommt, dass sich unsere Protagonistin merklich fortentwickelt. Aus dem einsamen, depressiven – wer kann es ihr auch verdenken – und zurückhaltenden Kind wird ein lebenslustiges Mädchen, das ihr Leben genießt, das ihre Prüfungen zwar fürchtet, aber mutig angeht und letztlich durch ihren eigenen Einfallsreichtum und Talent meistert.

Daneben aber verzücken weitere Bestandteile des Romans – wahnwitzige Erfindungen – etwa ein spinnenähnliches Fortbewegungsmittel mit dem North sie ais Crow Manor rettet, oder eine rasende Bahn, in die man sich mittels Schirme einhakt – farbenprächtige Figuren und jede Menge abenteuerlich-gefährlicher Situationen. Voller Tempo geht es immer weiter im Plot, der sich stilistisch sehr angenehm liest.

So ist dies ein Auftakt nach Maß, der uns neugierig, wie es unserer Heldin weiter ergehen wird, zurücklässt.

Jessica Townsend: Nevermoor 01: Fluch und Wunder.
Dressler, Februar 2018.
432 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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