Imbolo Mbue: Wie schön wir waren

Eine überaus kraftvolle Geschichte – ergreifend, bewegend, aufrüttelnd: Die Bewohner des afrikanischen Dorfes Kosawa sind die stolzen Nachfahren des „Leopardenblutes“. Sie leben mit ihren sieben Schwesterndörfern im Einklang mit der Natur. Bis die amerikanische Ölbohrfirma Pexton kommt. Der Diktator des Landes gibt dem Unternehmen das Land, um dort nach dem Schwarzen Gold zu bohren. Öl und Giftmüll fließen fortan ungeklärt in Boden und Wasser. Kinder werden krank und sterben, die Äcker geben keine Ernte mehr her, selbst Heilkräuter verdorren. Die Firma verspricht zu helfen, doch nichts passiert. Alle Bemühungen, sich gegen die Ungerechtigkeit aufzulehnen, werden durch Regierungssoldaten gewaltsam beantwortet. Massaker, Hinrichtungen und Verhaftungen sind die Folge. Die Bewohner hoffen auf die Unterstützung durch Hilfsorganisationen. Doch Pexton hat Geld, der Diktator Beziehungen. Der Frust entlädt sich in der nachfolgenden Generation und deren Leitfigur: Thula, deren Vater einst hingerichtet wurde, studiert in New York. Dort kommt sie mit Protestbewegungen in Berührung. Sie hat eine Vision, ihr Heimatland friedlich zu reformieren. Ihre Freunde in Kusawa drängt es allerdings zu einer blutigen Revolution. „Aber welche Wahl haben wir in einer Welt, in der viele glauben, ihr eigenes Glück hänge vom Unglück anderer ab.“ (S. 103)

Imbolo Mbues Buch lässt so schnell nicht mehr los. Dies liegt vor allem an den authentischen Erzählstimmen. Die Autorin, die für ihren Debütroman „Das geträumte Land“ mit dem PEN Faulkner Award ausgezeichnet wurde, lässt abwechselnd die Dorfbewohner zu Wort kommen. Großmütter, Onkel, Kinder. Mal mit kindlicher Naivität, mal mit ausgelaugter Resignation, mal mit spät gewonnener Alterseinsicht betrachten sie die Geschehnisse. Über 40 Jahre hinweg begleiten wir Leser den Widerstand der Dorfbewohner gegen den Ölkonzern. Stets schwingt in Mbues Prosa eine Art Märchenstimme mit. Wie eine Geschichte, die man sich am Lagerfeuer von Generation zu Generation weitererzählt. Fantastische Elemente kommen darin vor, wie Nabelschnürknäuel oder besondere Zwillinge, die als Schamanen wiedergeboren werden. Gleichzeitig prallt die Realität mit voller Wucht in den Plot herein. Die Autorin beschönigt nichts.  Weder wie die wohlhabenden Industrienationen Afrika für seine Bodenschätze ausbluten lassen, noch wie Korruption und Gier sämtliche Instanzen der Politik bis zum Dorfältesten durchsetzen.

In ihrer aufwühlenden Prosa präsentiert uns die aus Kamerun stammende und in Amerika lebende Autorin keine Sieger und Verlierer, keine Lösungen oder Antworten. Scheint das Dorfleben aus Sicht der Alten noch das reinste Paradies gewesen zu sein, so ist dies bei näherer Betrachtung ein Trugschluss. Frauen ist nach dem Tod der Ehemänner zum Beispiel das erneute Heiraten untersagt. Selbst dann, wenn sie bereits mit 29 Jahren Witwe geworden sind wie Thulas Mutter. Chauvinismus ist allgegenwärtig. So stößt Thulas Aufruf zur Revolution bei vielen auf taube Ohren. Weil sie eine unverheiratete Frau ist. Doch auch die vermeintlichen Sieger zahlen einen hohen Preis. Der Diktator ist in Wirklichkeit ein Gefangener seiner selbst. Um seinen zahlreichen Putsch- und Mordversuchen zu entgehen, wechselt er jede Nacht seinen Schlafplatz. Pexton muss gewaltige Anstrengungen unternehmen, um das eigene Image zu retten, während auch die Kinder der eigenen Arbeiter letztendlich an den Folgen der Umweltverschmutzung sterben.

Mit dem Internetzeitalter und dem Zugang zur Bildung ändert sich in Kosawa alles. Denn die nachfolgende Generation ist gespalten. Nur in einem ist man sich einig: Stillzuhalten funktioniert nicht. Die einen wollen kämpfen, die anderen auswandern, die letzten sich gar mit dem Feind arrangieren. Denn die Verlockungen des Wohlstandes sind allgegenwärtig. Warum in Hütten wohnen und 10 Kinder kriegen, wenn man in der Stadt in einem Steinhaus mit Strom sitzen kann – inklusive Markenklamotten, Fernseher, Smartphone und Co.? Doch ob in Amerika oder bei den gut bezahlten Regierungsjobs, die Freude währt nur kurz. Der Stachel des schlechten Gewissens, die eigenen Vorfahren verraten zu haben, sitzt tief. So befinden sich

alle im ewigen Kampf zwischen Siegern und Besiegten, Moral und Verrat, Vergangenheit und Fortschritt, Entwurzelung und Neuanfang, Natur und Technik.

All dies beschreibt Mbue so lebendig und authentisch, dass auch wir uns unter dem Mangobaum mit den Dorfältesten tanzen sehen und bei jedem weiteren Begräbnis einen Schlag in die Magengrube verspüren. Die Hoffnungen von Thula, Juba, Sahel und Bongo sind unsere Hoffnungen. Noch dazu funktioniert der Roman als Universalgeschichte. Vergleichbare Szenarien fanden und finden noch heute überall auf der Welt statt. Von den Urvölkern des Amazonas über Kanada bis Afrika – überall dort, wo Öl, Gas, seltene Erden, Diamanten, Gold oder sonstige Bodenschätze darauf warten, ausgebeutet zu werden. Zu Gunsten großer Konzerne. Zu Gunsten unseres täglichen Wohlstandes.

So bleibt am Ende vor allem ein Kloß im Hals zurück. Das bittersüße, schonungslose Ende ist bereits hundertfach von der Realität eingeholt worden. Doch vielleicht kann ja das geschriebene Wort etwas daran ändern? Zumindest hat Thulas Journalistenfreund Austin lange Zeit diese Hoffnung gehegt: „Die Menschen lesen die Geschichten, die er und seine Zeitungskollegen schreiben, sagt er, und sie seufzen. Dann setzen sie ihren Tag fort und lassen die Worte einsam und durchweicht auf dem Boden von Mülleimern zurück. Manchmal schreiben Leser Briefe an Gruppen, die die Situation eventuell verändern. Manchmal demonstrieren sie. Oder hören auf, die Produkte eines Unternehmens zu kaufen. Oder sie sorgen für einen andere Regierung. Aber zu viel bleibt gleich.“ (S. 334)

Wie sagte Franz Kafka einst: „Das Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ Dieses Buch ist so ein seltenes Exemplar. Es trifft unseren innersten Kern. Ein mutiger Roman von einer großartigen Autorin!

Imbolo Mbue: Wie schön wir waren.
Aus dem Englischen übersetzt von Maria Hummitzsch.
Kiepenheuer&Witsch, Oktober 2021.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 23,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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