Bodo Kirchhof: Widerfahrnis

Bodo Kirchhoff ist ein Meister der Beschreibung des schleichenden Unbehagens. Erst freut man sich mit den Protagonisten,  über ein vermeintliches Glück, das beiden, Julius Reither und Leonie Palm, Mitte der zweiten Halbzeit ihrer gelebten Leben und Dramen, verstörend zufällig zufällt, welches sich dann aber im Laufe dieser kleinen Flucht, na, sagen wir mal, relativiert.

Aus einem kalten Dorf, im ausgehenden Winter in Österreich brechen die beiden, einer Eingebung zufolge, im Auto auf nach Süden und landen tatsächlich nach drei Tagen in Sizilien. Leonie Palm, so der Name seiner Begleiterin, hatte ein Hutgeschäft und sich daran gesetzt, einen Roman zu verfassen. Sie ringt sich durch, diese Blattsammlung zu Reither, dem ehemaligen Verleger zu bringen, der seine Verlagstätigkeit aufgab, weil er das Gefühl hat, dass es zunehmend mehr „Schreibende“ als „Lesende“ gäbe und somit die Qualität insgesamt leide.

Wie gesagt, noch nach ihrer ersten Begegnung brechen sie auf. Unterwegs, und das ist die Stärke des Buches, kommt es zu seltsamen Ereignissen, die an sich betrachtet nichts Besonderes sind, aber im Kontext der heutigen Zeit, bewegen. Auf einem toskanischen Rastplatz kommt es zu einer lauten Auseinandersetzung zwischen einer Flüchtlingsfamilie und einem deutschen Wohnmobilbesitzer, der seinen Hund am liebsten von der Kette lassen würde, weil, und jetzt kommt es, die Flüchtlinge angeblich den Hundenapf leer gegessen hätten. Für mich eine unglaubliche Szene. Auch auf dem weiteren Weg und schlussendlich in Sizilien, werden sie in Gestalt eines schweigenden Mädchens, mit allem konfrontiert, was die Anfälligkeit unserer ach so sicheren Existenz ausmacht.

Ein Roman oder eine Novelle über die Möglichkeiten – und des noch mehr möglichen Scheiterns der Liebe. Über Grenzen der Mitmenschlichkeit und das Alter.  Ein Meisterwerk!

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis.
Frankfurter Verlagsanstalt, September 2016.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 21,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Fred Ape.

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