Bill Clegg: Fast eine Familie

Jeder kennt jeden in dem kleinen Provinznest Wells in den USA. Die Bewohner sind „Fast eine Familie“. Und als eine Tragödie geschieht, hat jeder irgendwie damit zu tun.

Einen herzzerreißenden Roman über abgrundtiefe Trauer, Mitgefühl, Mitmenschlichkeit und Einsamkeit ist dem Amerikaner Bill Clegg mit dem Buch „Fast eine Familie“ gelungen. Dieser Debütroman des Autors stand wochenlang auf den Bestsellerlisten in den USA; jetzt ist er in deutscher Übersetzung erschienen.

Es ist ein unendliches Leid, das die 50-jährige June erlebt: Am Vorabend der Hochzeit ihrer Tochter kommen die Braut, ihr Bräutigam, der Vater der Braut und Junes neuer Lebenspartner, der knapp 20 Jahre jüngere Luke, beim Brand eines Hauses ums Leben. June flüchtet vor der Einsamkeit, wird aber schließlich aufgefangen von einem Menschen, von dem sie das nicht erwartet hätte.

Eine ungewöhnliche Form hat Bill Clegg gewählt, um zu erzählen, was für keinen begreifbar ist: Er lässt Unmengen von Personal aufmarschieren und alle Figuren erzählen, in welchem Verhältnis sie zu einem der Toten standen und wie sie die Katastrophe erlebt haben. Es entsteht ein Mosaik aus Erzählungen, die fast abgeschlossene Kurzgeschichten sind. – Variationen eines Motivs, eine Geschichte aus vielen Blickwinkeln erzählt.

Das ist spannend und trotz der Fülle der Figuren überhaupt nicht verwirrend. Clegg ist mit diesem Buch auch ein Gesellschaftspanorama gelungen, das auf ein kleines Dorf und fast eine Familie konzentriert ist. Es gibt eine feine Gesellschaft und die Bediensteten, Außenseiter und Urbewohner. Zusammengehalten wird das Puzzle von Erinnerungen, das schließlich auch den Tathergang des Unglücks rekonstruiert, von Bill Cleggs ausnehmend schönen Sprache. In einem zarten, sanften Ton erzählt er diese Geschichte mitfühlend und mitleidend.

Endlich gibt es wieder einen großen Erzähler in den USA, von dem man sich noch viel mehr Bücher wünscht.

Bill Clegg: Fast eine Familie.
Fischer, Februar 2017.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Julia Gaß.

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