André Aciman: Fünf Lieben lang

Poetisch, klug, unglaublich sinnlich: André Aciman kitzelt die prickelnden Momente des Alltags heraus. All die kleinen Details und Sehnsüchte, die im Zeitalter von Tinder übersehen werden. Zu Recht gilt André Aciman als der momentan größte Romancier im Genre der „sensuellen“ Literatur. Man denke nur an die legendäre „Pfirsich-Szene“ aus seinem Roman „Call me by your Name“. Aciman haucht dem Genre wieder Geist und Seele ein, dafür braucht er keine Fesselspielchen à la „Shades of Grey“. Er entfesselt die Sinnlichkeit mit verbaler Wucht und präziser Hingabe. Ob die künstlerische Arbeit in einer Tischlerwerkstatt, die Körperpflegerituale im Duschraum eines Tennisclubs oder die Betrachtung eines flirtenden Paares bei einer Tischgesellschaft… er verleiht diesen Situationen neue Düfte, mehr Haptik und ungesagte Mehrdeutigkeiten.

In „Fünf Lieben lang“ begleiten wir Paul ab seinem 13. Lebensjahr durch sein (Liebes-) Leben. Auch in diesem Roman lässt Aciman seine Hauptfigur Menschen beiderlei Geschlechts begehren. Pauls erste große Liebe begegnet ihm auf einer italienischen Ferieninsel, wo er mit seiner Familie jährlich den Sommerurlaub verbringt. Der wesentlich ältere Tischler soll ein paar alte Möbel des Ferienhauses restaurieren, bald sucht Paul ihn in seiner Werkstatt auf, um ihm dabei zur Hand zu gehen. So wie der Altersunterschied zwischen den beiden steht, wird schon bald die Arbeit mit Holz zum sinnbildlichen Ersatzschauplatz von Pauls aufkeimender Erotik. In späteren Jahren lebt Paul in New York, liebt Maud, Manfred und Chloe. Jeder dieser Lieben ist ein eigenes Kapitel gewidmet, in jeder dieser Beziehungen spielen reale Handlungen dieselbe Rolle, wie das, was sich nur im Kopfkino des Protagonisten abspielt. Mal unterstellt Paul seiner Freundin eine Affäre und ergeht sich in Phantasien, die ihn gleichzeitig erregen und quälen. Mal schmachtet Paul jahrelang einen Mann an, der ihm allzu perfekt erscheint, wie Michelangelos David. Mal führt er über Jahrzehnte hinweg eine Zwei-Tage-Beziehung zu einer Frau, in die er verliebt ist, ohne sie lieben zu können.

Paul liebt anders, er liebt absolut. Wenn wir glauben, Paul wäre am Maximum seiner Emotionen angelangt, folgt eine Liebe, die noch gewaltiger ist. Paul liebt nicht, er verschwendet sich.

Der Clou: Aciman lässt uns Leser so tief mit Pauls Innenleben verschmelzen, dass wir das Gefühl haben, in seiner Haut zu stecken, ihn zu kennen. Doch dann erfolgt zum Ende jedes Kapitels – manchmal im sprichwörtlich letzten Satz – ein Überraschungsmoment. Etwas, das all das Gelesene in einen neuen Kontext rückt. Das eine weitere Persönlichkeitsschicht zu Pauls Charakter hinzufügt, ein weiteres seiner „möglichen“ Leben darlegt.

Dabei baut Aciman treffsichere Metaphern und viele philosophische Komponenten ein. Der in Alexandria geborene Autor ist ein literarischer Verführer, ein sinnlicher Poet. Er nimmt sich Zeit, die Dinge zu betrachten. Mit seinen Lesern vollführt er ein Vorspiel, das gar nicht den Anspruch erhebt, zum Höhepunkt zu kommen. Denn viele dieser Lieben bleiben unerfüllt, bleiben eine „Nimmerliebe“. Manche schaffen es nie aus dem Bereich der tagträumerischen Beobachtungen hinaus. Diese Lust nährt sich aus dem Unerfüllten, Bittersüßen. Deshalb ist sie nicht weniger wuchtig.

Besonders bewegend ist die „Sternenliebe“. Jene Liebe, die Paul in einem anderen Leben, einer Parallelwelt, einer anderen Sphäre führen würde. Dabei bezieht er sich auf Nietzsches „Sternenfreundschaften“. So könnten Freunde in diesem Leben zu erklärten Feinden werden, blieben aber in einer anderen Sphäre weiterhin Freunde. „Jeder von uns bekommt mindestens neun Versionen seines Lebens vorgesetzt, und manche stürzen wie gierig hinunter, von anderen nehmen wir nur ängstlich einen winzigen Schluck und manche wagen wir uns nicht an die Lippen zu setzen“. So bleibt am Ende jeder Beziehung Pauls die Frage, ob er vom „Wein des Lebens“ getrunken oder ein gänzlich falsches Leben geführt hat.

Fazit: Ein grandioses, kluges, philosophisches und sinnliches Buch, das den Wert der Erotik in seiner komplexen Ganzheit erfasst. Körper, Geist und Seele werden hier gleichsam angesprochen. Ein literarischer Geniestreich, der im Tinder-Zeitalter sämtliche Oberflächlichkeiten und Möchtegern-SM-Bestseller auf ihre billigen Plätze verweist. Danke für jede einzelne Zeile, die noch weiter prickelt, wenn das Buch längst zugeklappt ist.

André Aciman: Fünf Lieben lang.
dtv, August 2019.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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