Yvonne Hofstetter: Das Ende der Demokratie

Was ist Digitalisierung, und was ist Internet? Ohne groß über die Hintergründe nachzudenken, benutzt fast jeder beides und genießt die Annehmlichkeiten. In der Praxis gibt es den Zugang zu einem Computernetzwerk oder Regelwerke diverser Kommunikationsprotokolle, die durch Codes und Softwaredesigns gelenkt werden. Was im ersten Fall wie ein Akt des freien Willens aussieht, ändert sich im zweiten Fall. Dort unterwirft sich der Anwender entweder den vorgegebenen Regeln oder verzichtet auf bestimmte Leistungen. Friss oder stirb. Ja oder Nein. Ein Vielleicht öffnet keine Türen, die als Schlüssel persönliche Daten verlangen. Laut Yvonne Hofstetter entsteht ein Informationskapitalismus, der von den Spuren der Anwender im Internet genährt wird.

Wer konsumiert was und wie viel? Wer ist mit wem verknüpft? Auf welche Anreize gibt es ein »Like«? Welche Ansammlung von Reizen braucht ein Programmierer, um Reaktionen der Anwender zu kreieren oder zu lenken?

Das Smartphone ist zu einer vertrauten Lebenshilfe geworden, das ein komplettes Leben organisiert. Wer das Profil eines Smartphonenutzers analysiert, kann dieses Wissen nicht nur für Werbung nutzen. Banken, Krankenkassen, Versicherungen, Finanzämter, Behörden, Geheimdienste, sie alle nutzen Daten für ihre Zwecke und ohne Zustimmung und Kenntnis der Betroffenen. Wie kann sich ein einzelner Anwender gegen computergesteuerte negative oder falsche Beurteilungen wehren, wenn der Überblick fehlt? Wer weiß schon, wer wie viel an den eigenen persönlichen Daten verdient, und was damit gemacht wird.

Aktienkurse zeigen Trends und geben keine Antworten.

Doch was hat dies mit Demokratie zu tun?

Im Hinblick auf anstehende Wahlen kann die Auswahl von »Nachrichten« in den sozialen Medien die Neigung der Bürger beeinflussen.

Mit fiktiven Dialogen zeigt die Autorin, wie Wissenschaftler künstliche Intelligenz gestalten und an den Kriterien eines künstlichen Politikers arbeiten. Sie beschreibt gleichzeitig, wie im Internet demokratische Werte und der Schutz von Minderheiten verloren gehen. Wo bleibt die Würde des Einzelnen und seine Freiheit, wenn jeder Mensch und jedes Programm alles darf und auch tatsächlich macht?

Ein Anwender im Datenstrom kann mit seinen »Likes« und »Freunden« mitschwimmen, oder es bleiben lassen. Im schlimmsten Fall wird er gedankenlos geopfert, weil er nur einer von vielen ist. Der Mensch schrumpft auf Einheiten in Bites und Bytes.

Das Ende der Demokratie ist für Yvonne Hofstetter die Kehrseite der globalen Digitalisierung. Seit 2009 ist der Arbeitsschwerpunkt der Juristin die Analyse und Fusion großer Datenmengen für Staat und Industrie. Ihre Erfahrungen und internen Kenntnisse hat sie in einem informativen Buch zusammengefasst. Der Leser darf sich auf eine anspruchsvolle Lektüre mit entsprechendem Inhalt einstellen. Sie schenkt wertvolle Einblicke und einen umfangreichen Kontext.

Yvonne Hofstetter: Das Ende der Demokratie: Wie künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmüdigt.
Bertelsmann Verlag, September 2016.
512 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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