Yaa Gyasi: Ein erhabenes Königreich

Ihre Mutter liegt im Bett und weigert sich aufzustehen – tagelang, wochenlang, monatelang. Für Gifty ist dies ein vertrauter Anblick seit sie elf Jahre alt ist. Die einstmals stolze Frau aus Ghana, die mutig nach Amerika aufgebrochen ist, scheint gebrochen. Zuerst hat ihr Mann sie verlassen. Dann ist ihr Sohn, früher ein gefeierter Basketballstar, an einer Überdosis Drogen gestorben. Seit seinem Tod wird sie von Depressionen geplagt. Ihre Tochter muss schnell erwachsen werden und eigene Antworten auf die Fragen des Lebens finden. Gifty sucht diese in der Wissenschaft, ihre Mutter im religiösen Glauben. Dies entfremdet die beiden Frauen immer mehr.

Erzählt wird die bewegende Geschichte aus der Sicht von Gifty. In Rückblenden schildert sie sowohl ihre eigene Kindheit, als auch die Vorgeschichte ihrer Eltern. Sprachlich völlig ungekünstelt, bedient sich die Autorin anderer stilistischer Mittel, um starke Bilder heraufzubeschwören. So stellt sie zum Beispiel Giftys kindliche Tagebucheinträge ihrer Arbeit als erwachsene Neurowissenschaftlerin im Labor gegenüber. In ersteren bittet die brave Zehnjährige den lieben Gott darum, ihren Bruder von seiner Drogensucht zu erlösen. Bei letzterem begleiten wir Gifty dabei, wie sie Labormäusen Drogen injiziert, um Hirnforschung zu betreiben und das Rätsel zu lösen: Warum machen Menschen Dinge, die ihnen schaden? Der Tod des Bruders wird zum Schlüsselerlebnis. Sucht und Depression sind Schlagworte, die Giftys Forschung an der Stanford University antreiben. Sie strauchelt zwischen Religion und Wissenschaft, zwischen ihrem Wunsch nach Liebe und den Mauern der Distanz, die sie längst um sich herum aufgebaut hat. Dabei trifft sie selbst etliche Entscheidungen, die ihr schaden. Analytisch und distanziert beobachtet sie destruktives Verhalten, lässt sich gefühlsmäßig aber nicht darauf ein. Ihr Aufstieg zu einer brillanten Wissenschaftlerin steht in starkem Kontrast zu ihrer emotionalen Unreife. Sie stößt Menschen von sich, anstatt sich mit ihnen auseinander zu setzen.

Der Begriff Rassismus fällt in Gyasis Buch nicht. Er zeigt sich durch das Verhalten des Umfeldes. Solange Giftys Bruder Nana als Basketballspieler für Schule und Stadt noch einen Titel nach dem anderen gewann, war die Hautfarbe kein Problem. Doch nach seinem Absturz tuscheln die weißen Gläubigen ihrer Baptistenkirche: „Diese Leute scheinen eine Schwäche für Drogen zu haben…“ (S.237).  Auch das mystisch-lebensfrohe Ghana und das konservative Alabama stellt die Autorin einander gegenüber. Oder wussten Sie, dass laut wissenschaftlichen Studien Schizophrene in Ghana freundlichere Stimmen hören als Schizophrene in Amerika? Beim Lesen erhalten wir Exkursionen in die Welt der Neurowissenschaften, in die Küche Westafrikas, in das Verhalten von Suchtkranken. Es geht um Trauer, Verlust und Traumata. Um Lösungen, das Vermeiden von Schwarz-/Weißdenken. Weder sollten Gläubige der Wissenschaft misstrauen, noch sollten Wissenschaftler von Religion sprechen „… als wäre es eine wärmende Decke für die Dummen und Schwachen…“ (S. 222). Wird Gifty letztendlich einen Weg finden, beides zu vereinen? Sich selbst und ihrer Familie zu verzeihen? Oder könnte die Lösung ganz einfach sein: „Ich glaube, wir bestehen aus Sternenstaub, und Gott hat die Sterne erschaffen“. (S. 223)

Wie in ihrem Debütroman „Heimkehren“, welcher unter anderem mit dem Hemingway Award ausgezeichnet wurde, zieht auch dieses Werk in seinen Bann. Innere und äußere Spannungsverhältnisse über Generationen und Kontinente hinweg, bilden auch hier den Kern ihrer Prosa.

Fazit: Traurig und schön zugleich:  Yaa Gyasi baut einen eigenen literarischen Kosmos, indem sie Welten zusammenführt und Widersprüchliches auflöst. Auch wenn die Verschmelzung von Afrika und Amerika, Glaube und Wissenschaft oft anstrengend und schmerzvoll sein kann, gilt es, den Kopf oben zu halten. Stolz und erhaben.

Yaa Gyasi: Ein erhabenes Königreich.
Aus dem Englischen übersetzt von Anette Grube.
DuMont Buchverlag, August 2021.
304 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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