Wlada Kolosowa: Fliegende Hunde

Kann eine, die zu Hause geblieben ist, im eigenen Bett vor Heimweh sterben? Oksana hat das Gefühl, dass genau das passieren wird, denn Lena ist gegangen. Weg aus Krylatowo, dem trostlosen Vorort von Sankt Petersburg, weg von der Schule, weg von Oksana. Die blasse, dürre Lena wurde von Model Scouts entdeckt und hat jetzt einen Vertrag mit einer Agentur in Shanghai. Oksana hingegen hat ein nichtssagendes Gesicht und einen fetten Hintern, findet sie. Dank der Schwerkraft ihres Körpers hängt sie in der Armut Krylatowos fest. Allein. Sie vermisst Lena so sehr, dass es weh tut. Ihre Familien wohnen Wand an Wand, die Mädchen gingen in der jeweils anderen Wohnung ein und aus. Oksana und Lena haben fast jede Minute ihres wachen Lebens zusammen verbracht – und unendlich viele Schlafminuten, zusammengekuschelt und mit verschlungenen Beinen in Oksanas Bett.

Oksana will dringend abnehmen. Im Internet stößt sie auf die Leningrad-Diät: Man darf nur so viel essen wie die Menschen während der Belagerung von Leningrad im zweiten Weltkrieg und nimmt genauso heftig ab. Erlaubt sind nur Gerichte, die aus den damals verfügbaren Zutaten zubereitet werden: Leimpudding, Ledergürtelsuppe und so weiter. Oksana beschließt, die Diät zu machen und wird Teil eines geheimen Internetforums. Lenas demente Uroma hat die Blockade überlebt und liefert wertvolle Rezepte, die Oksana im Forum schnell zur Expertin aufsteigen lassen. Die Diät durchzuhalten, schafft sie nicht. Glücklicherweise beginnt Mammut, ein Junge aus der Klasse, ihr den Hof zu machen, und hebt damit ihre Laune und das Selbstwertgefühl.

Lena teilt sich in Shanghai eine enge, muffige Wohnung mit anderen Mädchen, die auch auf die ersten richtigen Modeljobs warten und sich derweil von kalorienarmen Instant-Nudelsuppen ernähren. Endlose Warteschlangen bei den Castings, die Begutachtung wie ein Stück Vieh, die Angst, nach Hause geschickt zu werden und das Nicht-Essen bestimmen den Alltag. Wer keine Aufträge bekommt, kann das bei den Happy Hour Partys in halbseidenen Clubs wiedergutmachen und sich von Männern abschleppen lassen. Lena ist entschlossen, alles für die Modelkarriere zu tun und das, was sie tut, den Leuten daheim zu verschweigen. Sie beginnt eine Affäre mit einem der Fotografen, der ihr Jobs verschaffen kann, überwindet ihren Ekel, lässt sich küssen. Mit ihm Sex zu haben ist wie ein Fotoshooting: zur richtigen Zeit die richtige Position einnehmen. Oder wie eine medizinische Prozedur, die man über sich ergehen lässt. Ganz anders als die Nächte mit Oksana, jeder Quadratzentimeter Haut pulsierendes Leben. Darüber haben die Mädchen nie gesprochen; wenn es nach Lena geht, soll das so bleiben.

Wlada Kolosowa verknüpft in ihrem Roman anspruchsvolle Themen miteinander: Magerwahnsinn, den Sog von Social Media, den Blick hinter die Kulissen des Modelbusiness, die Perspektivlosigkeit ganzer Regionen und Bevölkerungsgruppen, die Belagerung Leningrads, Liebe, Homosexualität in Russland. Die Atmosphäre in Krylatowo fängt sie gekonnt ein, trist, ungemütlich, mit streunendem Hund im Stadtpark und einem geschlachteten Schwein, das zum Ausbluten an der Wäschestange vorm Haus hängt. Die Melancholie wird immer wieder von Sarkasmus durchbrochen, von Bildern, die ich so noch nicht gelesen habe, von Bildern, die neugierig machen und zur frischen Erzählstimme passen. Die historischen Fakten zur Blockade werden mit Hilfe der Leningrad-Diät und Oksanas Recherchen für ihr Schulprojekt in den Roman eingebracht. Leider wirken sie an der einen oder anderen Stelle ein wenig gewollt und wie aus dem Geschichtsbuch. Die Absurdität der Diät und des Schlankheitswahns führen sie allerdings gekonnt vor Augen.

Die beiden Handlungsstränge – Oksana in Krylatowo, Lena in Shanghai – verlaufen parallel. Im letzten Viertel des Buches werden sie zusammengefügt: Lena kommt für drei Wochen zurück, die Mädchen begegnen sich wieder und müssen entscheiden, wie es mit ihnen weitergehen soll. Jede hat inzwischen ihre eigenen Erfahrungen gemacht. Welche gemeinsame Zukunft könnten sie haben? „Eine Liebe wie eine Zimmerpflanze – für ein Leben außerhalb der vier Wände nicht geeignet.“ (Zitat s. 202) – Realität für homosexuelle Liebe im heutigen Russland.

Ein lesenswertes Buch, das weit mehr zu bieten hat als Coming-of-Age.

Wlada Kolosowa: Fliegende Hunde.
Ullstein, März 2018.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Ines Niederschuh.

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