William Melvin Kelley: Ein anderer Takt (1962)

Juni 1957 in einem fiktiven Staat im Südosten der USA: In der Kleinstadt Sutton lungern ein paar weiße Männer – wie so oft – auf der Veranda von Thomasons Lebensmittelgeschäft herum, als ein Lastwagenfahrer sie nach dem Weg zur Caliban-Farm fragt. Seine Ladung, ein Berg von weißen Steinsalz-Kristallen, kommt den Männern seltsam vor. Doch erst als sie erfahren, dass Tucker Caliban genau dieses Salz auf seinen Feldern verteilt, werden sie neugierig und machen sich auf den Weg zur Farm. Dort werden sie Augenzeugen von Ereignissen, die niemand wirklich versteht: Der dunkelhäutige Tucker Caliban, in dem das Blut des legendären „Afrikaners“ fließen soll, zerstört seinen gesamten Besitz, die Äcker, die Tiere, das Haus und bricht mit wenig Gepäck, Frau und Kind auf.

Als die gesamte schwarze Bevölkerung des Ortes und sogar des Staats es ihm gleichtut, stehen die weißen Männer staunend zusammen und fragen sich, was das zu bedeuten hat. Einzig der kleine Harold, genannt Mister Leland, hat gewagt, Tucker nach dem Grund seines Weggangs zu fragen und nur zu hören bekommen, dass er – Harold – noch nichts verloren hätte. Was das bedeuten könnte, erklärt ihm Reverend Bradshaw, ein anscheinend wohlhabender Besucher aus den Nordstaaten, der von den Ereignissen gehört hat und ihnen auf den Grund gehen will: „Ich glaube, er hat gemeint, dass man ihm etwas gestohlen hat und dass er das lange Zeit nicht gewusst hat, weil er nicht wusste, dass das, was man ihm gestohlen hat, überhaupt ihm gehörte. Verstehst du?“ (Zitat aus Kapitel „Mister Leland“).

Diese Aussage ist für mich der Kerngedanke von William Melvin Kelleys Debüt-Romans „Ein anderer Takt“, der 1962 erschienen ist. Die schwarze Bevölkerung – angefangen mit Tucker Caliban – emanzipiert sich, erkennt, was ihr zusteht und versucht, es sich an einem anderen, hoffentlich besseren Ort zu holen. Wohin die Menschen gehen und was sie erwartet bleibt unklar. Doch der Aufbruch ist unumgänglich. Der Zustand der Abhängigkeit ist für sie nicht mehr zu ertragen.

Enttäuscht bleiben die hellhäutigen Menschen zurück, die trotz ihrer Südstaatenherkunft eine enge, manchmal sogar freundschaftliche Beziehung zu Menschen mit dunkler Haut gepflegt haben, allen voran die Familie Willson, deren Angestellter Tucker Caliban viele Jahr war.

Kelley erzählt die Vorgeschichte und Geschichte dieses Exodus ausschließlich aus Sicht der weißen Bevölkerung – der Männer auf der Veranda und der Familie Willson –, die einen mehr oder weniger rassistisch geprägt, die anderen liberal. Dieses Markenzeichen seiner Bücher beschreibt Kathryn Schulz in ihrem Vorwort folgendermaßen: „Da war vor allem der seltsame Chiasmus, der sein Schreiben auszeichnete: ein schwarzer Autor, der beschreibt, wie Weiße über Schwarze denken.“

Jedes Kapitel wird aus dem Blickwinkel einer anderen Figur erzählt, jedes hat seinen individuellen Ton und charakterisiert so gekonnt die verschiedenen Personen. Die Atmosphäre in den Südstaaten um die Mitte des 20. Jahrhunderts wird deutlich spürbar.

Diese Perspektive ist spannend und eröffnet ganz besondere Einsichten, hat aber laut Schulz die potenzielle Leserschaft radikal verkleinert, da sie weder weiße noch schwarze Leser richtig zufriedenstellte. Auch das hat dazu geführt, dass Kelleys Bücher fast in Vergessenheit geraten sind. Dass der Verlag Hoffmann und Campe dieses nach wie vor äußerst lesenswerte Buch, in einer Übersetzung von Dirk van Gunsteren, wieder aufgelegt hat, ist sehr begrüßenswert. Denn zum einen ist der Roman Literatur vom Feinsten, zum anderen ist das Thema leider nach wie vor aktuell.

Das Vorwort von Kathryn Schulz und die abschließenden Bemerkungen von Kelleys Tochter Jessica, bringen den Leserinnen und Lesern auch den Menschen William Melvin Kelley näher.

„Ein anderer Takt“ ist ein wichtiger, herausragender Roman der amerikanischen Literaturgeschichte und auch heute noch absolut empfehlenswert.

William Melvin Kelley: Ein anderer Takt (1962).
Hoffmann und Campe, September 2019.
304 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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