Willem Frederik Hermans: Die Dunkelkammer des Damokles (1955)

Henris Lebensgeschichte ist keine normale Biografie. Als er ein Kind ist, tötet seine Mutter den Vater. Er selbst wird dadurch zu einem Außenseiter, dem Sohn einer verrückten Mörderin. In der Pubertät bleibt die Stimme hoch und der Wuchs klein. Auf die übliche Gesichtsbehaarung wartet Henri vergeblich. Sein Gesicht bleibt mädchenhaft. Er lernt Judo, so dass jeder Angriff seiner Mitschüler ins Leere geht. Am Anfang des Krieges rutscht er in den Widerstand, um gegen die deutschen Besatzer zu kämpfen. Weil er für den Dienst an der Waffe zu klein geraten ist, folgt er einem gewissen Dorbeck, der ihm zum Verwechseln ähnelt. Immer wieder tötet er auf dessen Anweisung.

Mit Henri Osewoudt erschuf der niederländische Autor Willem Frederik Hermans (1921 – 1995) eine interessante und zugleich seltsame Heldenfigur. Sein Henri ist ein mutiger Mann, der nach Männlichkeit und Bewunderung strebt. Gerade hat er viel zu jung seine hässliche und ältere Cousine geheiratet, die mit ihm als Minderjährigen bereits alles getan hatte, was man zu zweit machen konnte. Die Eheschließung gilt für beide als logische Konsequenz. Als Dorbeck vor Henri im Tabakladen steht, findet er in seinem Gegenüber nicht nur eine Leitfigur sondern auch ein Gefühl der Vollständigkeit. Dank der Aufträge betrachtet er sich als wichtig und gefährlich. Das heimliche Doppelleben reißt ihn aus einem festgefahrenen Leben. Und Dorbeck wird mehr als nur ein Vorbild; er macht aus Henri sein doppeltes Lottchen. Jeder glaubt, bei den Anschlägen Osewoudt gesehen zu haben. Für einen Widerstandskämpfer dürfte solch ein Doppelgänger die ideale Geheimwaffe sein.

In dem bizarren Plot überlebt der Tabakhändler Henri den Zweiten Weltkrieg, der wie eine Fototapete den Hintergrund für absurde Wendungen bildet. Das Verwirrspiel um Dorbecks Machenschaften, die vielleicht auch nur Henris Hirngespinste sind, stehen bis zum Schluss im Vordergrund.

1955 erschien »Die Dunkelkammer des Damokles«. Willem Frederik Hermans erlebte den Krieg ähnlich wie seine Romanfigur als junger Mann und fotografierte. In einem Interview soll der Autor über sein Schreiben erklärt haben, es sei natürlich ein Gebrechen. Es sei die Wucherung einer bestimmten geistigen Funktion, wie alles im Leben.

Ein ehemaliger Professor, der aneckt, polemisch reagiert, Literaturpreise ablehnt, arbeitet seine Themen in ganz spezieller Weise ab. Herausgekommen ist ein natürlich ein ganz spezieller Roman.

Willem Frederik Hermans: Die Dunkelkammer des Damokles (1955).
Aufbau Verlag, August 2016.
383 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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