Wiebke von Carolsfeld: Das Haus in der Claremont Street

Ein weiteres Debüt aus Kanada. Und was für eins. Die in Deutschland geborene Autorin, die als Regisseurin preisgekrönte Filme drehte, erzählt uns in ihrem fesselnden Roman das Psychogramm einer Familie. Dabei zeichnet sie so wunderbare Figuren und entwirft so bildhafte Szenen, dass die Leserin manches Mal nicht weiß, ob sie lachen oder weinen soll.

Die Familie, um die es geht, besteht aus so präzisen wie individuellen Charakteren, deren liebenswerte Egozentrik, würde man diesen Menschen im echten Leben begegnen, einen doch gelegentlich auf die nächste verfügbare Palme treiben würde.

Dabei dreht sich alles um den kleinen Tom, 9 Jahre alt und schwer traumatisiert. Seit er mitbekam, wie sein Vater seine Mutter erschlug und anschließend sich selbst erschoss, spricht er kein Wort. Er verkriecht sich in sich selbst, saugt permanent an seinem Daumen und fügt sich immer wieder möglichst heftige Schmerzen zu. Tom kommt zuerst zu seiner Tante Sonya, der ältesten Schwester seiner Mutter. Doch sie scheitert an dem Verhalten des Jungen, ist sie doch mit sich selbst ganz und gar nicht im Reinen.

Daraufhin wird Tom bei Rose einquartiert, der zweiten Schwester seiner Mutter. Diese lebt zusammen mit ihrem 15-jährigen Sohn Nick und ihrem Bruder Will in ihrem ehemaligen Elternhaus.

Die drei Geschwister, besonders die beiden Frauen, könnten unterschiedlicher nicht sein. Sonya ist die Perfekte, stets Gepflegte, durchorganisiert und wohlerzogen. Sie ist verheiratet mit Alex und leidet unter ihrer ungewollten Kinderlosigkeit. Rose dagegen ist chaotisch, unorganisiert, bekommt ihre Wohnung, geschweige denn ihr Leben, nicht auf die Reihe. Und Will ist das ewige Kind, er will nicht erwachsen werden, scheut jede Verantwortung, lebt in den Tag hinein. Dazu kommt dann noch der pubertierende Nick, den man aber trotz oder vielleicht auch wegen seiner schnoddrigen Rotzlöffeligkeit ins Herz schließt.

Alle Familienmitglieder, vor allem die drei Geschwister, sind ungezähmte, wilde Charaktere, wenn auch vielleicht, wie Sonya, eher unter der Oberfläche. Ihre Wildheit, ihre Wut auf alles, richtet sich dabei vor allem gegen sich selbst, gegen den Schmerz über den Tod der Schwester. Und gegen die Scham und das schlechte Gewissen, ihn nicht verhindert zu haben. Alle drei, Sonya, Rose und Will, müssen damit leben, die Probleme ihrer Schwester Mona nicht erkannt zu haben, ihr nicht geholfen zu haben. Was mir hier auch besonders gut gefiel, ist die sensible und wertfreie Beschreibung, die Autorin urteilt nicht über ihre Charaktere, sie verurteilt niemanden für sein Handeln oder Unterlassen. Es wirkt, als hätte sie ganz viel Verständnis für diese zerrissenen, im Grunde verzweifelten Menschen.

Diese Menschen nun müssen mit dem traumatisierten Tom zurechtkommen, sie sollen ihm helfen, wo sie doch selbst so viel Hilfe nötig hätten. Die Szenen, in denen Wiebke von Carolsfeld die Gedanken und Gefühle von Tom schildert, gehen dermaßen zu Herzen, sind so nah, so empathisch und zart beschrieben, dass man Tom am liebsten ganz fest in den Arm nehmen möchte. Dabei umschifft sie jede Rührseligkeit, jedes Klischee, wird nie überdramatisch. Wenn Tom sich selbst verletzt, wenn er sich ganz klein zusammenrollt, wenn er stets in Gedanken zählt oder das kleine Einmaleins aufsagt, um nichts zu hören oder zu denken, dann zerreißt es der Leserin das Herz. Und dann kann er wiederum auch ganz pfiffig sein, sich gewieft Vorteile verschaffen, was diese Figur noch um vieles realistischer macht.

Erst nach und nach lernen die Familienmitglieder, dass sie mit diesem Geschehen werden leben müssen. Sie, die bisher mehr oder weniger nach dem Motto „Alle denken nur an sich, nur ich denk an mich“ lebten, lernen, füreinander da zu sein, um zu bestehen. Oder, wie Rose schließlich erkennt: „Alles, woran ich jemals geglaubt habe, (…) wurde durch Monas Tod infrage gestellt. Aber wenn ich etwas gelernt habe, dann dies: Wir können unsere Wunden nur gemeinsam heilen. Als eine Familie. (…)“. (S. 241)

Der Roman lebt vor allem von den Figuren. Die sind so lebensecht, so authentisch und wahrhaftig, dass die Leserin froh ist, sie kennengelernt zu haben und am Ende des Buches traurig war, sie verlassen zu müssen.

Zwar gibt es auch ein paar Szenen, die die Handlung wenig vorantreiben und daher im Grunde verzichtbar wären, weil sie unnötige Längen verursachen. Aber das ist völlig nebensächlich neben dieser so wunderbar erzählten Geschichte von so normal natürlichen, so absurd absonderlichen Menschen.

Die, wie ich finde, sehr einfühlsame Übersetzung erfolgte durch Dorothee Merkel.

Wiebke von Carolsfeld: Das Haus in der Claremont Street.
Kiepenheuer&Witsch, September 2020.
368 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Renate Müller.

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