Werner Hamacher: Sprachgerechtigkeit

„Gerechtigkeit ist Sprache.“ So beginnt das letzte Buch des international renommierten Literaturwissenschaftlers Werner Hamacher, der im vergangenen Jahr verstorben ist.

Viele der hier versammelten Texte, von denen er die meisten zunächst in Vorlesungen und Vorträgen seinen Zuhörern präsentierte, hatte er von Anfang an für eine gemeinsame Veröffentlichung geplant und konzipiert.

„Gerechtigkeit“, so präzisiert er einige Seiten weiter, „sofern sie in der Entscheidung für das Miteinanderleben im Reden beruht, ist Sprache.“

In seinen Studien und Analysen, in seinen Interpretationen und Gedankengängen geht er den verschiedensten Rechtstheorien im Hinblick auf Sprache und Gerechtigkeit, deren Zusammenhänge und Zusammenwirken auf den Grund. Dabei steigt er tief ein, seziert die Wörter und Sätze, setzt sich sehr detailliert mit ihren Bedeutungen und ihren Inhalten auseinander. In einer Reise durch die Zeit folgt er Platon und Aristoteles, Milton und Hobbes, Kant und Celan sowie weiteren Geistesgrößen.

Im 2. Kapitel beschäftigt er sich beispielsweise mit Schriften von Karl Marx und Hannah Arendt zu den Menschenrechten und bringt dabei sehr interessante, für mich erstaunliche Ansätze ans Licht. „Die sogenannten Menschenrechte, so zeigt Marx, sichern das Gegenteil dessen, was sie zu sichern behaupten,“ schreibt er beispielsweise auf Seite 61. Er analysiert unter anderem das Recht, seine Rechte nicht zu gebrauchen, das Recht auf Scheidung und das Recht auf Leben und schafft in allen Texten einen Bezug zur Sprache.

Dass er auch ein engagierter Hochschullehrer und streitbarer Forscher war, der die Universitäten mit Humboldt als „Freistätten der Wissenschaft“ gesehen und verteidigt hat, wird im 10. Kapitel mehr als deutlich. Im Bologna-Prozess, der ab 1999 die Hochschul-Landschaft reformieren sollte, sieht er einen „verwaltungstechnischen Coup der europäischen Ministerien“. Dieser „diente ausschließlich der Rationalisierung der Ausbildung für den Arbeitsmarkt und dessen Verwertungsinteressen.“ (Seite 285)

Besonders beeindruckt haben mich die Kapitel, in denen Hamacher Miltons Scheidungstheorie darlegt und interpretiert, die Kapitel, in denen es um Menschenrechte geht und die Ausführungen zum Recht auf Forschung und Bildung. Insgesamt konnte ich in diesem Buch vielen für mich ungewöhnlichen, ungewohnten, manchmal auch anstrengenden Gedankengängen folgen und es eindeutig mit Gewinn lesen.

Ein Manko hatte „Sprachgerechtigkeit“ allerdings für mich: Das Lesen wurde mir durch eine Vielzahl von mir unbekannten Wörtern und Ausdrücken erschwert. Häufig musste ich im Fremdwörterlexikon nachschlagen und nicht selten, musste ich Sätze mehrmals lesen, bis ich sie annähernd verstanden habe. Kenntnisse in Latein, Griechisch und Englisch erleichtern die Lektüre eindeutig und auch vertieftes Wissen in den Bereichen Philosophie und Literaturtheorie ist sehr hilfreich.

„Sprachgerechtigkeit“ ist kein Buch, das man an einem Stück verschlingt. Das Gelesene muss sich setzen, im Denken wirken und langsam durchdrungen werden. Dennoch hat es auf mich einen unwiderstehlichen Sog entwickelt und je länger ich mich damit beschäftigt habe, umso leichter ist es mir gefallen, den Ausführungen zu folgen.

Ein Buch für Kenner der Materie oder Menschen, die sich gerne intensiv in ein Thema einarbeiten und hineindenken.

Werner Hamacher: Sprachgerechtigkeit.
Fischer, Juli 2018.
400 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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