Viveca Sten: Flucht in die Schären

Da mutet die schwedische Bestsellerautorin in ihrem neunten Band der Krimireihe ihren Protagonisten Nora Linde und Thomas Andreasson einiges zu. Den Leserinnen und Lesern übrigens auch. „Flucht in die Schären“ bricht eindeutig aus dem gewohnten Schären-Krimi-Genre aus. Die Geschichte trägt die Züge eines Thrillers. Viveca Sten konfrontiert ihr Ermittler-Duo mit drei Themen, die alle „unter die Haut“ gehen. Es geht um traumatische Kriegsfolgen, um häusliche Gewalt und skrupellose Wirtschaftskriminalität im schwedischen Drogenmilieu.

Den neuen Fall habe ich mit besonderer Spannung erwartet, weil ich meinen Sommerurlaub im Schärengarten vor Stockholm verbracht habe und „natürlich“ Viveca Stens Insel Sanddön mit ihrem Hauptort Sandham besucht habe. Es war schön viele Orte in der Realität zu entdecken, die die Autorin zur Kulisse ihrer Plots gemacht hat. In der Beschreibung der Schönheit dieses touristischen Kleinods übertreibt die Autorin nicht. Sanddön und überhaupt der Schärengarten ist für Schwedenfans ein Muss.

Auch aus diesem Grund habe ich mich auf meine virtuelle Rückkehr nach Sandham gefreut. Natürlich auch auf die Begegnung mit Nora Linde und Thomas Andreasson. Nora hat die Stelle gewechselt und arbeitet nun als Staatsanwältin bei der Behörde gegen Wirtschaftskriminalität. Thomas Andreasson kämpft als Polizist mit den Tücken seines privaten Lebens und dienstlichen Alltags. Seine Stimmung ist düster. Nora versucht ihm, aus alter freundschaftlicher Verbundenheit heraus, den Rücken zu stärken. Viel Zeit dazu hat sie jedoch nicht, da sie dem Anführer der Stockholmer Drogenszene Andreis Korvac auf den Fersen ist. Es geht um das ganze Programm von Steuerhinterziehung, Geldwäsche und Drogenhandel.

Andreis Korvac ist ein skrupelloser Vertreter seiner Branche, der vor nichts zurückschreckt. Auch nicht vor brutaler Gewalt gegen seine Frau Mina, die vor drei Monaten ihr gemeinsames Kind Lukas entbunden hatte. Nachdem Andreis sie krankenhausreif geschlagen hatte, konnte Mina ihre Not nicht mehr geheim halten. Nora will sie als Nebenklägerin gegen Andreis gewinnen. Bei diesem Unterfangen gerät sie immer tiefer in menschlich unglaublich schwere Verwicklungen, die einen großen Teil des Spannungsbogens dieses Plots ausmachen. Als dann noch eine Leiche gefunden wurde, kommt Thomas Andreasson ins Spiel. Beide müssen im Zuge ihrer Ermittlungen immer größere Risiken eingehen, um Mina zu helfen und den Mord aufzuklären.

Der Leser spürt bei der Lektüre den Gegensatz der idyllisch-friedlichen Schärenwelt und die brutale Wirklichkeit des Drogenmilieus. Zwischen diesen Welten bewegen sich die Protagonisten atemlos hin und her und sorgen für Spannung bis zur letzten Seite. Für meinen Geschmack hat es Viveca Sten manchmal etwas übertrieben. Aber wenn man schon acht Bände einer Krimireihe erfolgreich als Bestseller auf dem Büchermarkt placiert hat, muss man vielleicht neue Akzente setzen. Dies hat die Autorin getan.

Von Anfang an steht fest, wer gejagt und gefangen werden muss. Das Leben des Täters wird in ausführlichen Rückblenden erzählt und führt in den Balkan-Krieg der 90iger Jahre. Auch die Rolle des Ermittlers Thomas Andreasson kommt ungewohnt daher. Als Polizist wird er erst in der zweiten Hälfte des Buches gefordert. Nora Linde verbringt viel Zeit damit, Mina Korvac vor ihrem Mann zu schützen. Allein dieses Unterfangen wird jedoch so spannend erzählt, dass die dramaturgischen Veränderungen zum gewohnten Schärenkrimi nicht stören. Die engmaschige Kapitelung der Geschichte hilft dem Leser, der Handlung zu folgen. Geschickt fand ich die letzten Sätze eines jeden Kapitels, die ihren Beitrag zum Spannungsbogen leisteten. Überhaupt empfand ich den Aufbau der Geschichte und den Schreibstil der Autorin wieder als lesefreundlich.

Mutig kam die Wahl der Hintergrundthemen daher. Traumatische Kriegsfolgen, häusliche Gewalt und Drogenkriminalität berühren in dieser kompakten Kombination den Leser, die leserin auch emotional. Und diese Form der Betroffenheit im Unterhaltungsgenre kann sich eine Autorin leisten, die sich schon einen gewissen „Namen“ erworben hat. Mich jedenfalls hat die Lektüre auch nachdenklich gestimmt. Störend empfand ich es nicht – im Gegenteil. Auch Belletristik kann Botschaften vermitteln. Vielleicht hätte die Fülle des Stoffs für mehrere Krimis gereicht.

So überwiegen in meiner Wahrnehmung die Positiva, die mich zu einer klaren Lesempfehlung bewegen. Natürlich spielt hierbei auch eine positive Bewertung der ganzen Reihe eine Rolle. Auch darum war es gut mit „Flucht in die Schären“ gewisse Gewöhnungseffekte in der Leserschaft aufzulösen. Es ist völlig legitim einzelne Teilbände stärker und andere schwächer zu empfinden. Für mich ist Viveca Sten eine Autorin, die gut recherchiert und klar formuliert. Ein spannendes Leseerlebnis auf jeden Fall. Auch darum ist dieses Buch lesenswert!

Viveca Sten: Ein Fall für Thomas Andreasson 09: Flucht in die Schären.
Kiepenheuer&Witsch, November 2018.
464 Seiten, Taschenbuch, 15,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Martin Simon.

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