Véronique Petit: Sechs Leben

Der Volksmund behauptet, eine Katze habe sieben Leben. Véronique Petit überträgt diese Aussage auf Menschen, die ebenfalls mehrere Leben haben können: Der fünfzehnjährige Gabriel liebt das Fallschirmspringen. Bei seinem Lieblingscomputerspiel lässt er seinen Springer so lange wie möglich im freien Fall. Genau das Gleiche möchte er auch real erleben. Als er erfährt, er gehöre zu den 1% der Menschen, die sechs Leben zur Verfügung haben, vereinen sich Verwirrung, Freude und Abenteuerlust. Diese Abenteuerlust bezahlt er kurz darauf mit seinem ersten Leben. Aber es stört ihn nicht weiter. Schließlich hat er noch fünf.

Tely, ein älterer Klassenkamerad, warnt ihn, er könne auch zu einer menschlichen Bombe werden. Gabriel vermutet hinter dieser Aussage persönliche Erfahrungen und ist extrem neugierig. Denn Tely hatte sieben Leben und kam mit nur noch drei Leben in seine Schule. „Er ist ein merkwürdiger Typ, in seinen Augen liegt etwas Beängstigendes. […] Er verbringt die Pausen allein, gefangen in seiner Welt.“ (S. 33) Gabriel beginnt seine eigene Welt neu zu definieren. Viel Glück und noch mehr Gefahren gehören dazu.

Véronique Petit wurde von den Büchern ihrer Kindheit geprägt. „… Dank ihnen hat sie schon sehr früh tausend verschiedene Leben gelebt.“ (Zitat aus der Anmerkung über die Autorin) Konzentriert, pointiert erzählt sie aus Gabriels Perspektive, wie er erschreckend schnell ein Leben nach dem anderen verliert. Gleichzeitig findet der Außenseiter Gabriel nach wie vor keinen Anschluss zu seinen Klassenkameraden. Sie begegnen ihm mit Unverständnis, Neid und glauben, geschenkte Leben zu verlieren, sei bedeutungslos.

Gabriel erzählt von seinen Umwegen. Das Geschenk der Unsterblichkeit verleitet ihn anfangs zu einer übermütigen Sorglosigkeit. Viele Konflikte sind vorprogrammiert. Ob es sich um seine Familie handelt, seine Freundschaft mit Tely oder die erste Liebe.

Der voller Weisheiten berstende Roman wurde von Anne-Kathrin Häfner übersetzt. Er schenkt eine kurzweilige Unterhaltung, die viel Spaß macht. Dies liegt unter anderem am klaren und wahrhaftigen Schreibstil, in dem eine magische Anziehungskraft steckt. Das fantastische Element der genetischen Lebensverlängerung fügt sich so natürlich in die Handlung ein, als gehöre es einfach dazu.

Als Gabriel mal wieder ein Leben verloren hat, wacht er programmgemäß im Krankenhaus im Kreis seiner Familie auf…
„Mama schließt die Augen, atmet ein, atmet aus.
‚Ruhig bleiben, ruhig bleiben‘, höre ich sie murmeln.
‚Aber, du hast doch gesagt, dass Gabriel ganz viele Leben hat, dann ist es doch nicht so schlimm?‘, flüstert Zoé mit ganz leiser Stimme.
‚Ruhig bleiben, ruhig bleiben‘, wiederholt Mama.“ (S. 154)

Véronique Petit: Sechs Leben.
mixtvision Mediengesellschaft mbH, Februar 2021.
223 Seiten, Gebundene Ausgabe, 15,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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