Verena Güntner: Power

Als Power, der Hund der Hitschke, verschwindet, ist die alte Frau verzweifelt. Er war ihr einziger Lichtblick in dem trostlosen Dasein, dass sie seit dem Tod ihres Mannes fristet. Sie bittet das Mädchen Kerze, nach ihrem Hund zu suchen. Kerze nimmt die Aufgabe sehr ernst, denn sonst passiert in dem kleinen Dorf wenig. Sie verspricht der Hitschke, den Hund auf jeden Fall zurückzubringen. Und sie wäre nicht Kerze, wenn sie ihr Wort nicht halten würde. Die anderen Kinder des Dorfes werden bald auf Kerzes Suche aufmerksam und wollen sich daran beteiligen. Doch Kerze macht es ihnen nicht leicht und stellt hohe Anforderungen an die Kinder. Und trotzdem wollen immer mehr von ihnen mit Kerze in den Wald auf die Suche nach Power gehen.

Verena Güntner (Jahrgang 1978) ist ein eindringlicher, kurzer Roman gelungen, in dem die erwachsene Gesellschaft den Bezug und die Verbindung zur nachrückenden Generation verliert. Dabei nimmt die Autorin schon im zweiten Absatz vorweg, dass Kerze Power natürlich findet, sieben Wochen nach ihrem Auftrag, mausetot und von Maden zerfressen. Man spürt schnell, dass es nicht darum geht, einen verloren gegangenen Hund zu finden.

Kerze wird als einflussreiches junges Mädchen beschrieben: „[Die Leute] Beauftragen sie, wenn sie bei einer Sache nicht weiterwissen, trauen ihr zu, dass sie das schafft, dass sie alles schafft, was sie einmal zugesagt hat. Weil sie Kerze ist. Ein Licht in dieser rabenschwarzen Welt.“ (Erster Teil, Kapitel Eins) Das Alter des Mädchens wird dabei nirgends näher erwähnt, sie wirkt wie etwa zwölf Jahre und ist sich ihrer Sache stets sicher. Sie ist tatsächlich eine geborene Anführerin und scharrt mit Leichtigkeit alle Kinder des Ortes um sich. Schließlich verschwinden sie gemeinsam im Wald, verlassen ihre Elternhäuser und geliebte Menschen, um mit Kerze im Wald zu lernen, wie ein Hund zu leben, und Power zu suchen. Als die anderen Kinder nach längerer erfolgloser Suche den ganzen Prozess in Frage stellen, bleibt Kerze standhaft.

„‚Wir machen weiter, bis wir Power gefunden haben.‘
‚Und wenn wir ihn nicht finden?‘
‚Wir finden ihn aber.‘
‚Woher weißt du das?‘
‚Weil ich es versprochen habe.‘“
(Zweiter Teil, Kapitel Vier)

Eine weitere wichtige Figur ist die Hitschke, die ohne Power in den Tag hineinlebt. Sie versorgt schließlich die Kinder im Wald mit Hilfe ihrer angelegten Vorräte. Denn die Hitschke traut sich nicht mehr vor die Tür, seitdem die Kinder verschwunden sind. Nachbarn und Dorfbewohner betrachten sie argwöhnisch und machen sie dafür verantwortlich, dass die Kinder sich abgewandt haben. Die Hitschke fühlt sich seltsam verbunden mit den Kindern „Sie […] spürt in der Suche nach Power die Nähe zu ihnen und fragt sich, ob das das Glück ist, von dem die anderen immer erzählen.“ (Zweite Teil, Kapitel Eins).

Verena Güntners Roman ist präzise formuliert und trifft oft mit wenigen Worten den Nagel direkt auf den Kopf. Das versteht man wohl unter dem allseits zitierten „sprachgewaltig“! „Power“ ist ein ganz besonderer Roman, der mir persönlich noch lange in Erinnerung bleiben wird. Hoffentlich kommen von der Autorin noch weitere solch tolle Werke!

Verena Güntner: Power.
DuMont Buchverlag, Februar 2020.
254 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Janine Gimbel.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.