Vendela Vida: Des Tauchers leere Kleider

Intaucher ihrem Reiseführer steht, sie solle Marrakesch direkt nach der Ankunft verlassen. Die Erzählerin beschließt, die erste Nacht in der Stadt zu bleiben. Kurz nach dem Einchecken im Hotel wird ihr Rucksack gestohlen. Mit der Übermüdung im Körper, ohne Bargeld, Kreditkarte und Pass scheinen ihre Fluchtpläne zu scheitern. Doch als die Polizei ihr am nächsten Tag den Rucksack einer anderen Frau präsentiert, greift sie nach ihm wie nach dem berühmten Strohhalm. Auch für ihre finanziellen Engpässe gibt es unerwartet Hilfe. Ein Job als Lichtdouble für einen amerikanischen Filmstar wird ihr angeboten. Durch ihre Ähnlichkeit mit dem Star stürzt sie viel zu schnell über neue Fallstricke.

Vendela Vida schreibt nicht nur Romane, sondern auch Drehbücher. Und diese Erfahrung ist in ihrem aktuellen Roman spürbar: Eine Verwicklung ergibt die andere, neue Weggefährten bieten neue Impulse, die der Flucht unerwartete Wendungen schenkt. Auf diese Flucht wird der Leser in ungewöhnlicher Weise eingeladen. Denn die Erzählerin berichtet in der zweiten Person Singular, als würde sie laut denken, Selbstgespräche führen oder ihr Erleben analysieren.

Vendela Vida könnte aus den einleitenden Gewissenskonflikten der Erzählerin und ihrem Abrutschen in die Kriminalität eine dramatische Hetzjagd mit der Polizei entwickeln. Statt dessen konzentriert sich die Schriftstellerin auf die Motive der Flucht und die typischen Zufälle im Leben einer jungen Frau, die so absurd wirken, dass sie schon fast wieder möglich sein könnten. Die Frau auf der Flucht kreiselt um ihre Möglichkeiten immer schneller und schneller, bis ihr ganz schwindelig wird.

»… Aber was dich im Moment am meisten beschäftigt, ist, dass die Schauspielerin weiß, dass du nicht Reeves Conway bist. Sie weiß, dass du keinen eigenen Ausweis hast, dass du im Besitz eines fremden Reisepasses bist. Du hättest ihr nicht erzählen dürfen, dass dir dein Pass gestohlen wurde, dass dir die Polizei die Sachen einer Person namens Sabine Alyse überlassen hat. Du bist wenig zuversichtlich, dass sie diese Informationen für sich behalten wird.» (S. 209)

Im Laufe einiger turbolenter Tage erfährt der Leser nicht den Namen der Erzählerin, sondern viel über ihr manipuliertes Leben, ihre Beweggründe und ihren Charakter. Nichts in ihrem Leben ist so einfach wie es vordergründig erscheint. Hinter dem doppelten Boden wird allmählich der nächste erkennbar.

Das offene Ende lässt den Leser amüsiert zurück, denn die Erzählerin hat sich – viel zu früh – auch ihm geschickt entzogen. Die vollständige Löschung ihrer alten Existenz wird zu ihrem kostbarsten Gut, das es zu beschützen gilt.

Vendela Vida: Des Tauchers leere Kleider.
Aufbau Verlag, Februar 2016.
252 Seiten, Taschenbuch, 19,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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