Ulrike Anna Bleier: Bushaltestelle

Nach „Schwimmerbecken“ legt Ulrike Anna Bleier mit „Bushaltestelle“ ihren zweiten Roman vor. Darin führt Elke ein imaginäres Gespräch mit ihrer Mutter Theresa, die sie mit „Du“ anspricht.

Im Laufe dieser Selbst-Gespräche und Reflexionen taucht der Leser so tief in die Familiengeschichte Elkes ein, folgt den episodenhaften Sprüngen über Zeit und Orte hinweg und in sie hinein, dass eine Vertrautheit mit den einzelnen Familienmitgliedern entsteht, über die man am Ende des Buches fast ein bisschen mehr weiß, als sie selbst.

Elke ist ein Kind, das von ihrer Mutter nicht wahrgenommen wird, was es ihr leicht macht, immer wieder zu verschwinden. Mal wird sie von der Mutter unter einer Schneeschicht an einer Bushaltestelle wiedergefunden, mal entwischt sie aus ihrem Körper und findet mit viel Übung im gewünschten Moment zurück. Irgendwann verschwindet sie endgültig: Hinter den Eisernen Vorhang. Sie wechselt ihre Identität und schließt sich Madla an.

Madla gehört zur Familie und irgendwie auch nicht. Sie ist die Adoptivschwester von Theresa, Elkes Mutter, und sie ist in Kriegszeiten selbst verschwunden.

Auch Lene, Theresas Schwester, ist auf ihre Weise verschwunden, wenn die Familie auch weiß, wohin, nämlich ins Kloster.

Therese hat eine bedrückende Familiengeschichte, die Elke in Rückblicken erzählt, ich möchte Umstände –und Tatbestände- nicht aufzählen, denn der Roman ist so sorgfältig komponiert und gibt immer nur preis, was gerade wichtig ist, sodass ich nichts vorwegnehmen möchte.

Elke trifft als Erwachsene, nachdem aus der „Tschecheslowakei“ die „Tschechei“ und schließlich „Tschechien“ geworden ist, ihren Bruder Markus wieder, lernt seine Frau und seine Kinder kennen. Jetzt bekommt sie ein Fotoalbum geschenkt, in dem sind „die Familien deiner Eltern abgelichtet, alle Kinder, Lene, Martin, Magdalena und du, Theresa“, spricht Elke zu ihrer abwesenden Mutter, „es sind Onkel und Tante abgelichtet, die ihr später besuchen werdet, um den Luftangriffen zu entgehen“.

Zu dem Zeitpunkt weiß der Leser schon von Theresa und ihrer Liebe zum Bruder Markus, von Onkel und Tante auch.

Auch bei dieser Begegnung zwischen Markus und Elke wird ein Mensch verschwinden.

„Bushaltestelle“ ist ein Familienroman ohne Kitsch, der universelle Weisheiten lakonisch vermittelt: Alles wiederholt sich, Kränkungen und Unrecht werden von Generation zu Generation getragen, bis sich ihnen jemand stellt.

Ich habe das Buch beim ersten Lesen verschlungen, um nach jedem Kapitel schnell zu erfahren, wie es weitergeht … um es danach noch einmal mit Ruhe und Respekt vor dem Leben dieser Familie zu lesen.

Ulrike Anna Bleier: Bushaltestelle.
Lichtung, September 2018.
224 Seiten, Taschenbuch, 17,90 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Corinna Griesbach.

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Ein Kommentar zu “Ulrike Anna Bleier: Bushaltestelle

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