Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende (1939)

9. November 1938: In nur wenigen Stunden und Tagen verliert der wohlhabende und angesehene jüdische Kaufmann Otto Silbermann einfach alles. Wohnung, Geschäft, Familie, Grundrechte. Mit seinem Restvermögen von 30.000 Reichsmark flüchtet er quer durch Deutschland, unschlüssig, an wen er sich noch wenden soll. Seine jüdischen Freunde werden nach und nach verhaftet, sein arischer Schwager verwehrt ihm Asyl. Silbermann hofft darauf, dass der in Paris lebender Sohn ihm ein Visum besorgen kann. Doch dieser Plan scheitert ebenso wie ein missglückter Fluchtversuch über die belgische Grenze. So „emigriert“ Silbermann in die Deutsche Reichsbahn, lässt sich ziellos von Bahnhof zu Bahnhof treiben, begegnet den unterschiedlichsten Menschen und rutscht immer tiefer in sein unaufhaltsames Verderben.

Wie lange braucht es, um einen Menschen zu brechen? In dem Roman von Ulrich Alexander Boschwitz geht dies erschreckend schnell. Binnen weniger Tage verliert seine Figur Silbermann alles, was er sich erarbeitet hat und was ihn als menschliches Wesen auszeichnet. Dies liest sich aufwühlend, erschreckend, beängstigend. In Szenen, die wie Nadelstiche ins Bewusstsein drängen, schildert der Autor, wie sich langjährige Geschäftspartner und sogar die eigene Familie von Silbermann abwenden. Freunde, die auf der Straße nicht mehr grüßen, weil ein Jude sie kompromittieren könnte. Polizisten, die das jüdische Opfer verhaften und den arischen Täter nicht behelligen. Nachbarn, die versichern, Silbermann sei ein anständiger Kerl, kein „typischer Jude“.

Dies ist ein weiteres Dilemma von Silbermann. Der Berliner Kaufmann, der selbst im Ersten Weltkrieg für die Deutschen gekämpft hat, sieht sich eher als Deutschen, denn als Juden. Sein Äußeres verrät ihn nicht, zudem hat er eine arische Frau geheiratet. Nur sein Nachname und das große, rote „J“ in seinem Pass brandmarken ihn und rauben ihm jegliche Individualität. Mit zunehmender Verzweiflung blickt er sogar selbst abwertend auf seine Leidensgenossen herab, derentwegen nun auch er verfolgt wird. Motto: „Du bist ein braver Kerl. Aber der Rest deiner Familie taugt nichts.“ Dies wirft die Frage nach dem Thema Zugehörigkeit auf. Liegt sie in den Genen oder im Gemüt?

Boschwitz ist ein sehr differenzierter Blick auf die deutsche Gesellschaft im Jahr 1938 gelungen. Da gibt es die aktiven Mittäter, die opportunistischen Mitläufer, die Verängstigten, welche sich vor den Herrschenden wegducken und ein paar Beherzte, die selbst Risiken eingehen, um gegen das Nazi-Regime aufzubegehren. Im Kleinkosmos eines Zugabteils kann Silbermann über Dialogszenen sehr schön die großen Themen auf individuelle Gesichter und Geschichten herunterbrechen. Der Schrecken wird erlebbar, allgegenwärtig. Nicht alle Deutschen sind böse, nicht alle Juden sind gut.

Auch schafft es der Autor, Fragen zu beantworten, die uns selbst Generationen später noch umtreiben. Warum haben die Juden nicht aufbegehrt oder sind rechtzeitig ausgewandert? Haben sie das Unglück nicht kommen sehen? Wieso hat das Ausland nicht reagiert? Und wie konnte die Judenverfolgung eine so schnelle Eigendynamik entfalten?

Der jüdische Autor Boschwitz konnte noch rechtzeitig aus Deutschland fliehen, schrieb in seinem Exil in Skandinavien und Paris erste Romane, emigrierte später nach England und wurde nach Australien interniert. Auf dem Rückweg sank sein Schiff durch einen Torpedoangriff der Deutschen. Sein Buch „Der Reisende“ das 1939 und 1940 bereits in England und den USA veröffentlicht wurde, wollte er nochmals für eine deutschsprachige Ausgabe überarbeiten, aber dazu kam es nicht mehr. Heinrich Böll soll später das Manuskript an deutsche Verlage herangetragen haben. Umsonst. Erst das vom Herausgeber Peter Graf lektorierte Manuskript hat es nun in den Deutschen Buchhandel geschafft. Als beeindruckendes, topaktuelles Zeitdokument gegen das Vergessen. Wie schnell aus einem bösartigen Witz ein todbringender Ernst werden kann, wie schnell die ersten Schritte der systematischen Judenverfolgung in der Vernichtung enden – mental, menschlich, rechtlich, kulturell – davon legt dieser Roman, den Boschwitz „gegen die Ohnmacht“ geschrieben hat, Zeugnis ab.

Und so macht sich „Der Reisende“ nun auf seine letzte und zugleich wichtigste Etappe: 80 Jahre nach seiner Erstellung darf er in jenem Land literarische Kreise ziehen, in dem die erschütternde Handlung angesiedelt ist.

Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende (1939).
Klett-Cotta, Februar 2018.
303 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.