U. Gerold & W. Hänel: Allee unserer Träume

Ilse hat den Zweiten Weltkrieg überlebt. Sie überwand alle Widerstände und studierte Architektur. Wie ihr Vater will sie Schönes bauen. Doch die Umstände erlauben es nicht. Nach dem Krieg gibt es nur noch ihren an Alzheimer schwer erkrankten Vater und seine kleine Baufirma, die vor dem Bankrott steht. Ihr Organisationstalent wird gebraucht. Und während sie ihren Vater pflegt, zeichnet sie die Häuser, von denen beide geträumt haben. Sie entwickelt Straßenzüge, die von einem Neubeginn erzählen. Wie es der Zufall will, erhält ihr Vater eine offizielle Anfrage aus Berlin. Die Regierung sucht Architekten, die beim Neuaufbau mithelfen wollen. Insbesondere ist eine Prachtallee geplant, die dem Sozialismus ein Gesicht verleihen soll. Ilse begreift diesen Aufruf als ihre Chance. Ihre Träume könnten jetzt wahr werden: Schöne Häuser, vor denen sich die Wolken verneigen, bezahlbarer Wohnraum mit menschenwürdiger Ausstattung.

Das Autorenduo für Krimis und Thriller, Ulrike Gerold und Wolfram Hänel, hat einen detailreichen Roman über die Nachkriegszeit und den Aufbau der zukünftigen DDR geschrieben. Als Grundlage und Inspiration diente die Biographie von Wolfram Hänels Mutter. Im Zentrum der Handlung steht Ilse, eine junge Frau, die viel zu früh ihre gesamte Familie verliert. Das klassische Karriereziel für Frauen Kind und Herd will einfach nicht passen. Ilse lehnt sich auf. Je größer der Gegenwind um so stärker wird Ilses Wille, für ihre Träume zu kämpfen.

Die russische Besatzungszone in Ost-Berlin steht für das karge Leben mit Etagentoilette. Die Verwaltung des Mangels und die ungerechte Verteilung aller Dinge für den täglichen Lebensbedarf zeigen, wie wenig sich die neue von der alten Heimat unterscheidet. Immer wieder gibt es Beispiele für subtile Gleichmacherei und Unterdrückung der persönlichen Entfaltung. Vor diesem Hintergrund prallen Vertreter von Moral und Politik aufeinander. Über Ilses Erlebnisse und Beobachtungen erfährt der Leser, mit welchen Methoden Vorteile und Skrupellosigkeit durchgesetzt werden. Auffallend ist, wie die traditionsbeladene Rolle der Frau benutzt wird, um ein patriarchales System zu stützen.

Der Roman besteht aus drei spannungsreichen Abschnitten. Im ersten Teil arbeiten die Autoren mit zwei Zeitschienen, um Ilses Motive und Lebensbedingungen aufzuzeigen. Ab dem zweiten Teil erzählen sie chronologisch und schenken dem Leser eine bessere Orientierung.

Auf der einen Seite will der Roman Geschichte lebendig werden lassen, was ihm auch gelingt. Auf der anderen Seite gibt es Auslassungen, die möglicherweise im Hinblick auf den Umfang geopfert wurden. Die Wucht von Gewalt und Unrecht gerade auch gegen Frauen kommt deshalb ein wenig zu kurz.

Ulrike Gerold & Wolfram Hänel: Allee unserer Träume.
Ullstein, Januar 2019.
560 Seiten, Taschenbuch, 11,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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