Tracy Barone: Das wilde Leben der Cheri Matzner

Die US-amerikanische Drehbuchautorin und Produzentin Tracy Barone (Jahrgang 1962) hat mit „Das wilde Leben der Cheri Matzner“ ihren ersten Roman vorgelegt. Der Diogenes Verlag veröffentlichte ihn zunächst unter dem Titel „Thanksgiving“. Am 24. April 2019 erschien „Das wilde Leben der Cheri Matzner“ in einer Übersetzung von Stefanie Schäfer.

Darin ist in vier Teilen die Familiengeschichte der Matzners enthalten. Teil 1 startet Anfang der 1960er Jahre furios mit Cheris Geburt. Ihre leibliche Mutter Miriam ist ein drogenabhängiger Teenager, die kurz nach der Geburt das Krankenhaus und ihr Baby verlässt. Der Hilfspfleger und Baseballspieler Billy Beal bringt seine Eltern dazu, das Baby aufzunehmen.

Die Italienerin Carlotta (Cici) und Solomon Matzner erwarten ihr erstes Kind. Leider kommt es zu einer Fehlgeburt, Cici kann keine Kinder mehr bekommen und fällt in eine Depression. Ein Anwalt  vermittelt den Matzners das Baby von den Beals. Fortan wächst es mit dem Namen Cheri wohlbehütet bei den Matzners auf.

Schnitt, Teil 2, es ist das Jahr 2002. Cheri Matzner wird vierzig Jahre alt. Sie arbeitet als Professorin für Altorientalistik an der Chicagoer Universität, versucht schwanger zu werden von ihrem Ehemann Michael, einem „Regisseur mit Kultstatus“, und hat Ärger mit einem ihrer Studenten, der mit ihrer Suspendierung endet. Davor war sie Polizistin beim New York Police Department mit einem Drogenproblem und mit einem Liebesverhältnis zu ihrem Kollegen Eddie Norris. Die Ehe mit Michael ist in einer Krise, Cheris Geburtstagsfeier ein Reinfall.

Schnitt, Teil 3 springt zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart der Geschichte hin und her. Auf einer Italienreise im Sommer 1970 zu Cicis Familie erfährt Cheri zufällig, dass sie adoptiert ist.

Ehemann Michael erhält die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs und stürzt sich in sein letztes Filmprojekt, Cheri ist immer noch suspendiert. 1982 entdeckt Cheri mit ihrer Freundin Taya, dass ihr Vater Solomon eine zweite Familie in New York hat. Cheri bricht mit ihrem Vater, der stirbt Jahre später am Tag vor Thanksgiving beim Truthahnabholen. Und auch Michael stirbt.

Schnitt, Teil 4 Cheri versinkt in der Trauer um Michael bis ihre Mutter Cici sie aus der Lethargie reißt. Sie mietet sich in Tayas Strandhaus in Malibu ein und lernt in einer Tierarztpraxis Sonny, einen ehemaligen Musikmanager, kennen. Cheri verkauft ihr Haus in Chicago und macht sich auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern, findet ihren Vater und Billy Beal.

„Das wilde Leben der Cheri Matzner“ endet mit  Cheris Brief an ihren Sohn Henry.

Tja, „Das wilde Leben der Cheri Matzner“ hätte ein tolles Debüt werden können. Der Einstieg mit der schwangeren Miriam, der Geburt, der Pflegefamilie Beal und der Fehlgeburt von Cici ist ein grandioser Auftakt. Doch dann katapultiert Tracy Barone mich als Lesende ins Jahr 2002 vor und bremst die Spannung auf eine wirklich „wilde“ Familiengeschichte auf das Niveau einer Seifenoper ab. Es folgt eine mehr als banale Geschichte im „Reiche Leute – Kreativmilieu“ mit haarsträubend konstruierten Lebensläufen der Protagonisten. Schon allein der Sprung Cheris von der NYPD-Polizistin zur Altorientalistik-Professorin ist sehr weit hergeholt und für mich überhaupt nicht aus der Geschichte heraus nachvollziehbar. Barones Ausführungen in die Wissenschaft lesen sich wie Abschriften aus Internet- Suchmaschinen. Und dann kommt noch das ganze andere soap opera Personal dazu: der kriminelle Polizistenmentor, der todkranke Kultregisseur, der ausgebrannte Musikmanager. Wie viel spannender und interessanter wäre der Roman geworden, wenn sich Tracy Barone auf die Charaktere von Miriam, Familie Beal, Cici und Solomon und nicht zuletzt Cheri konzentriert hätte? Und was genau ist an dem Leben von Cheri Matzner eigentlich wild? Am Ende des Romans gelingt es Tracy Barone mit Cheris Suche nach ihren leiblichen Eltern nur bedingt glaubwürdig den Bogen zu ihrem Roman-Auftakt zu schlagen.

Also mein Fazit zu Tracy Barones „Das wilde Leben der Cheri Matzner“: ein fulminanter Einstieg mit einem furchtbaren Absturz zu einer banalen Story mit Hollywood-Happy End.

Tracy Barone: Das wilde Leben der Cheri Matzner.
Diogenes, April 2019.
512 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.