Tove Ditlevsen: Abhängigkeit

„Abhängigkeit“ ist der dritte Teil von Tove Ditlevsens autofiktionaler Kopenhagen-Trilogie.

Tove hat den Verleger Viggo F. Møller geheiratet. Sie ist Dichterin geworden, was in „Kindheit“ noch unmöglich schien. Ihre Gedichte und Erzählungen werden veröffentlicht, sie hat sich vom Arbeitermilieu losgelöst. Die Einsamkeit und das Gefühl des Andersseins jedoch sind geblieben. Mit dem viel älteren Viggo verbindet sie keine Liebe. Sie hat Affären, lässt sich scheiden, heiratet wieder, bekommt ein Kind. Ihr zweiter Mann Ebbe liebt sie, doch er kann sie nicht halten, Tove ist alles zu eng, sie träumt von … Das weiß sie selbst nicht recht, nur das Schreiben, das muss sein. Sie schläft mit Carl, einem Mediziner, wird schwanger. Carl hilft ihr bei der Abtreibung und spritzt ihr zum ersten Mal Pethidin. „Während die Flüssigkeit aus der Spritze in meinem Arm verschwindet, breitet sich eine nie gekannte Seligkeit in meinem Körper aus. Der Raum erweitert sich zu einem strahlenden Saal […]“ (Zitat Erster Teil Kap. 12). Toves Abhängigkeit beginnt. Immer wieder will sie dieses Gefühl haben, keine Erwartungen erfüllen zu müssen, der Wirklichkeit entkommen zu können und vollkommen glücklich zu sein. Sie heiratet Carl, damit die Pethidinspritze jederzeit verfügbar ist. Und er gibt ihr, was sie will, wann immer sie will. Immer öfter. Dass er ein Psychopath ist, ahnt die Leserin bald, Tove verschließt die Augen vor unangenehmen Wahrheiten und gerät immer tiefer in den Strudel der Sucht. Anfangs kann sie noch schreiben, am besten gelingt es mit der Hilfe von Methadontabletten, später kann und will sie nichts mehr, nur noch die Erlösung der nächsten Dosis. Mit letzter Kraft schafft sie es, sich in eine Klinik einweisen zu lassen und ihr Leben zu retten. Die Spirale aus Sucht, Entzug und Rückfällen wird erst mit Toves Selbstmord enden.

Die Formulierungen sind präzise wie der Schnitt eines Skalpells. Tove ist zerrissen zwischen Selbstzerstörung und schöpferischer Kraft, suchend, ohne jemals wirklich anzukommen. Gebannt folge ich ihr in die Abhängigkeit, genau wie sie ein wenig ungläubig, dass ihr dies widerfährt, dass sie dem nichts entgegenzusetzen hat. „Dann wurde meine Aufmerksamkeit auf einmal von einem hübsch erleuchteten Apothekenschaufenster abgelenkt. Es verströmte ein sanftes Funkeln von Quecksilberbehältern und mit Kristallen gefüllten Zylindergläsern. Ich blieb lange davor stehen, während die Sehnsucht nach ein paar kleinen weißen Tabletten […] in mir aufstieg wie eine dunkle Flüssigkeit.“ (Zitat Zweiter Teil Kap. 6)

Mit diesem Buch lässt die Autorin die Öffentlichkeit tief in ihre Abgründe blicken. Beim Wiederlesen werde ich Details entdecken, die mir in der Atemlosigkeit des ersten Lesens womöglich entgangen sind. Zwischen den Suchtepisoden findet Tove Ditlevsen manchmal etwas wie Glück – und wunderbare Bilder dafür.

Tove Ditlevsen: Abhängigkeit.
Aufbau Verlag, Februar 2021.
176 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Ines Niederschuh.

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