Toni Morrison: Gott, hilf dem Kind

Toni Morrison, 86jährige Literaturnobel- und Pulitzerpreisträgerin, beschäftigt sich in ihren Werken mit Rassendiskriminierungen und Rassenkonflikten in den USA. Sie ist nicht nur dort, sondern auch  international die Stimme afroamerikanischer Literatur. Und diesem Ruf wird sie nun wieder mit ihrer 2015 unter dem Originaltitel erschienenen Novelle „God Help the Child“ gerecht. Jetzt liegt das Buch in einer Übersetzung von Thomas Piltz unter dem Titel „Gott, hilf dem Kind“ bei Rowohlt auf Deutsch vor.

Da bekommt die sehr hellhäutige Sweetness Bridewell in den 1990er Jahren ein teerschwarzes Baby, das sie Lula Ann nennt, und dessen Vater Louis die kleine Familie umgehend verlässt, weil er annimmt, das Kind sei nicht von ihm. Fortan erzieht Sweetness Lula Ann allein, streng, ohne Liebe und Zuneigung. Sie berührt das Kind nicht einmal und Lula Ann muss sie mit „Sweetness“ und nicht mit „Mama“ ansprechen. Lula Ann wird ein angepasstes, ängstliches Kind, das immerfort um die Gunst und Aufmerksamkeit der Mutter buhlt.

Später nennt sich Lula Ann Bridewell nur noch „Bride“ (Braut), trägt Weiß in allen Schattierungen, ihr Stilberater Jeri nennt sie einen „Panther im Schnee“, und sie ist zusammen mit ihrer Freundin Brooklyn und ihrer eigenen Marke „You, Girl“ erfolgreich in der Kosmetikbranche. Bride genießt ihr Leben bis ihr Freund Booker Starbern sie mit den Worten „Du bist nicht die Frau, die ich will“ verlässt, und Bride tief verunsichert zurück bleibt.

Außerdem ist da noch eine gerade aus der Haft entlassene Frau, Sofia Huxley, mit der Bride eine unrühmliche gemeinsame Vergangenheit hat und die Bride bei ihrer ersten Begegnung krankenhausreif prügelt.

Jedenfalls packt Bride Bookers Rasierpinsel ein und macht sich auf die Suche nach ihm, den sie zu kennen glaubte, jedoch nichts von Bookers tragischer Familiengeschichte weiß. Dabei registriert sie mit Schrecken und Verwunderung, dass sich ihr Körper verändert, er entwickelt sich zurück, sie verliert ihre Körperbehaarung und ihre Brüste. Nach einem Verkehrsunfall mit ihrem Jaguar findet sie unterwegs Unterschlupf bei dem weißen ehemaligen Hippiepärchen Evelyn und Steve, die mit der Ausreißerin Rain auf einer Farm leben.

Ihre Suche führt sie in den Norden Kaliforniens, wohin Booker sich zu seiner Tante Queen Olive zurück gezogen hat. Und dort in einer Wohnwagensiedlung in Whiskey, Kalifornien stellen sich Bride und Booker ihren Lebenslügen und Vergangenheiten.

Vorab gesagt: Toni Morrison hat mit „Gott, hilf dem Kind“ ein wunderbares Buch geschrieben. Sie erzählt die Geschichte von Sweetness, Bride und Booker in vier Teilen, in denen sie die weiblichen Figuren als Ich-Erzählerinnen (Sweetness, Bride, Brooklyn, Sofia und Rain) zu Wort kommen lässt und dazwischen Passagen in auktorialer Erzählperspektive einfügt, die das Geschehen in einen Rahmen betten und in denen ich als Lesende vor allem etwas mehr über den einzigen männlichen Protagonisten (Booker) in der Geschichte erfahre. Damit macht Morrison aber auch eines eindeutig klar: es geht um die Frauen in der Geschichte.

Allen voran hinterlassen Lula Ann (Bride) und ihre Mutter Sweetness, verschieden wie Tag und Nacht, den stärksten Eindruck.  Die Geschichte entfaltet sich dabei vielschichtig, je nach Sichtweisen und Wirklichkeitskonstruktionen der Figuren. Toni Morrison lässt Sweetness gleich zu Beginn sagen: „Ich kann nichts dafür. Mir könnt ihr nicht die Schuld geben.“ Und Bride: „Ich habe Angst. Etwas Schlimmes passiert mit mir.“ Und damit sind die Grundhaltungen ihrer Figuren definiert, gleichzeitig jedoch etwas gesagt über die Stimmung und das Lebensgefühl von Afroamerikanerinnen in den USA.

Toni Morrison erzählt mit viel Lebenserfahrung und Weisheit. Sie schreibt über Liebe und (sexuelle) Gewalt, Schwarze und Weiße, Mütter und Töchter, Frauen und Männer in ihrer ausdrucksvollen, lebendigen und schönen Sprache, dass es ein Lesevergnügen ist. Sie trifft den Ton jeder Figur glaubwürdig, sie verbindet Literatur mit Gesellschaftskritik, wie in dem Gespräch über Brides Hautfarbe, in dem es heißt: „Es ist nur eine Farbe“, hatte Booker gesagt. „Ein genetisches Merkmal – kein Makel, kein Fluch, kein Segen und auch keine Sünde… Wissenschaftlich betrachtet gibt es so was wie Rasse gar nicht, Bride, und ohne Rasse ist Rassismus nichts anderes als eine Wahl, die jemand trifft.“

Nur treffen viele Menschen noch immer (oder wieder) diese Wahl, so dass Toni Morrisons Plädoyer und ihr Einsatz für Gleichberechtigung und Menschenwürde nach wie vor hoch aktuell sind.

Das Ende der Geschichte ist versöhnlich, vielleicht altersmilde und das obwohl Sweetness‘ Schlussworte „Viel Glück und Gott, hilf dem Kind“ eher nach rüdem Befehl als nach frommer Bitte klingen.

Toni Morrison: Gott, hilf dem Kind.
Rowohlt, April 2017.
208 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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