Tom Chatfield: Hier ist Gomorrha

Der Hacker Azi Bello dachte immer, er sei im Internet ein Geist. Unzählige Streiche und Hacks gehen auf sein Konto. Im Laufe der letzten Jahre baute er sich eine virtuelle Person. Jim war im realen Leben geboren und früh gestorben. Inzwischen ist Jim eine Kunstfigur, ein Aktivist in der rechtsradikalen Szene. Über ihn will Azi eine gefährliche Gruppierung unterwandern.

„… Jim existiert. Die Welt sucht und findet ihn. Waffen, Drogen – er hat, was das Herz begehrt.“ (S. 32) Auszug aus: Tom Chatfield. „Hier ist Gomorrha.“ iBooks.

Die Kontakte zu den neuen Freunden mit rechter Gesinnung sprechen für einen gelingenden Hack in naher Zukunft. Mitten in seinen Aktivitäten bittet ihn Munira, ebenfalls eine Hackerin, um Hilfe. Sie sei auf der Flucht und müsse ihn unbedingt treffen. Kurz darauf wird er von einem dubiosen Geheimdienst genötigt, das Vertrauen der Hackerin zu gewinnen. Nur über Munira könne man wichtige Daten über den IS und seine Hintermänner erhalten. Normalerweise würde Azi nie zusagen. Doch wenn der Geheimdienst Druck auf ihn ausübt, dann ist nichts mehr normal. Und dann verdreht ihm die hübsche Munira den Kopf mit der Idee, das sagenumwogende Gomorrha, das im Darknet für schlimmste Verbrechen verantwortlich ist, sei ein gutes Ziel für einen Hack. Azi verwendet seine Kunstfigur Jim, um bei Gomorrha einzudringen und wird selbst zu einer Spielfigur, deren Tod jemand im Hintergrund plant.

Dr. Tom Chatfield schreibt Sachbücher zu der Thematik Digitalkultur und Kolumnen bei der BBC. Hier ist Gomorrha“ ist sein erster Thriller. Sein Debüt wurde von der Sunday Times zum Thriller des Monats gewählt. Sein Leitthema bearbeitet er in einer fiktiven Geschichte, die so ähnlich geschehen könnte. Überzeugend zeigt der Autor die Tricks, wie ein Fremder die Herrschaft über den eigenen Computer und das eigene Handy erlangt und massiv in das Leben der Besitzer eingreift. Gleichzeitig entwickelt er ein Versteckspiel, bei dem lange nicht klar ist, wer Azi töten will. Seine Flucht aus der totalen Überwachung schenkt ihm Freiräume. Zumindest glaubt er das, bis er neue Informationen erhält, die wiederum alles in Frage stellen.

Der kurzweilige Thriller wurde von Gottfried Röckelein übersetzt. Der Leser darf sich auf technische Einblicke freuen, die die Nutzung des eigenen Handys sicherlich neu bewerten. Sprachlich gewinnt der Thriller nach dem ersten Drittel. Der Erzählstil wird klarer, präziser und begleitet atmosphärisch eine ungewöhnliche Agentengeschichte, in der Laien die Hauptrolle spielen.

Tom Chatfield: Hier ist Gomorrha.
Rowohlt, Juli 2020.
400 Seiten, Taschenbuch, 16,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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