Till Raether: Danowski 06: Hausbrauch

Hauptkommissar Adam Danowski hat Sendepause. Er kann nicht mehr. Zu viel erinnert ihn an das desaströse Ende seiner Geiselhaft. 24 Stunden blickte er in die Mündung einer geladenen Waffe, die in der Hand eines verzweifelten Mannes lag. Die Folgen haben bei Adam in mehrfacher Hinsicht Spuren hinterlassen und ihn arbeitsunfähig gemacht. Die Kurklinik in Damp an der Ostsee wird für einige Wochen sein neues Zuhause.

Auch in der Reha geht Danowski in Deckung und beschließt, dass weder Gesprächsgruppen noch Anwendungen zu ihm passen. „Am Anfang hatte er hier Angst vor der Einsamkeit gehabt, jetzt bekam er Angst, sich gar nichts anderes mehr vorstellen zu können.“ (S. 69) Im scheinbar falschen Moment stört Mareike Teschner seine flüchtige Ruhe. Sie bittet ihn um Hilfe und zieht den Polizisten Adam Danowski in ein neues Chaos.

Der Journalist und Autor Till Raether schreibt seit 2014 viel gelobte Kriminalromane. Sechs von ihnen handeln von Adam Danowskis Arbeit bei der Hamburger Polizei und zeigen einen Mann, der an Hypersensibilität und Depressionen leidet. Auf der einen Seite hängt Adam in seinem ganz persönlichen Sumpf fest, und auf der anderen Seite nimmt er die Sorgen anderer überdeutlich wahr. Nur die langjährige Routine hilft ihm, den Alltag zu meistern. Doch nun ist er an einem Punkt angekommen, an dem er an Aufhören denkt.

Anfangs versucht er der beharrlichen Mareike aus dem Weg zu gehen, bis es keinen Rückzug mehr gibt. Bei häuslicher Gewalt kann er nicht mehr wegsehen. Denn Adam weiß aus Erfahrung, dass es für die Opfer in dieser Grauzone wenig Hilfe gibt. Häufig reagiert die Polizei, wenn es zu spät ist. Im Fall von Mareike Teschner könnte es anders verlaufen, aber hierfür müsste Adam Regeln brechen.

Till Raethers ungewöhnlicher Kriminalroman fällt sofort auf: Er erzählt frisch und unverbraucht über Verbrechen, die jeden Tag in den Medien serviert werden. Hierbei bedient er sich eines prägnanten Schreibstils, bei dem unter anderem die Umgangssprache zu einer Kunstform geworden ist. Darüber hinaus finden sich Satzverkürzungen, bei denen die ersten Worte schon ausreichen, um bei der Lektüre die Aussage eigenständig zu vervollständigen. Seine Stilmittel kommen mitunter auch aus der Trickkiste der Lyrik, wenn er eine Atmosphäre verdichtet. („[…], der Mond war halb, seine Reflexion ein Zackenband durch die Unruhe der tiefschwarzen Meeresoberfläche, eine Sehstörung mitten im Gesichtsfeld.“ (S. 10))

Wer die Kriminalromane von Wolf Haas mit Kommissar Brenner mag, dürfte spielerisch in Adam Danowskis Welt eintauchen. Und wer als Einsteiger neues Terrain sucht, braucht ein paar Seiten mehr Zeit, um von einem Strudel gepackt werden.

Till Raether: Danowski 06: Hausbruch.
Rowohlt, September 2021.
304 Seiten, Taschenbuch, 16,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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