Thomas Ziebula: Der rote Judas

… – doch in Stainers Brust tobte er weiter, der Krieg. Und würde immer gegenwärtig sein – in jeder Schießerei, in jedem Mordopfer.“ (S. 310)

Major Paul Stainer sitzt im ersten Zug, der ihn und seine schwer verwundeten Kriegskameraden aus der Gefangenschaft nach Leipzig zurückbringt. Der ehemalige Kommissar leidet unter Gedächtnisverlust und Traumata. Nach der Kapitulation im Ersten Weltkrieg werden die politischen Folgen spürbar. Zwischen den Nationalisten und den Sozialisten geht der Meinungskrieg weiter. Die einen wollen die erlittene Niederlage in Aktionismus verwandeln, während die anderen den Frieden trotz des hohen Preises begrüssen. Gerade zurück steht Stainer als Verlierer da. Seine Frau weist ihn aus der gemeinsamen Wohnung. Sie habe einen neuen Mann und wolle die Scheidung. Nur ein paar Briefe liegen für ihn bereit. Einer von ihnen lädt ihn zum Vorstellungsgespräch ins Kommissariat ein. Unverhofft warten auf Stainer nicht nur die Beförderung zum Kriminalinspektor sondern auch noch die dringende Aufklärung mehrer Morde. Abgesehen von diesem komplexen Fall erfährt Stainer viele böse Überraschungen. Schon in den ersten Minuten im Kommissariat begreift der Heimkehrer, wie viel von seiner geistigen Gesundheit abhängt: Seine Karriere und Ehe stehen auf dem Spiel aber auch sein Überleben, weil er immer mehr in den Fokus brutaler Mörder rückt.

Der freie Autor Thomas Ziebula schrieb bisher historische und Fantasy Romane. Mit seinem ersten Kriminalroman Der rote Judas wechselt er überzeugend das Genre. Ein Ermittler mit gesundheitlichen und privaten Problemen kämpft und wächst aus sich heraus, weil dies sein Überlebenstrieb verlangt. Aufgeben ist keine Option. Diese Haltung weckt Empathie und nimmt den Leser auf eine geschichtsträchtige Reise, auf der die Überzahl an Bösewichten Funkgeräte nutzen und der Polizei stets drei Schritte voraus zu sein scheint. Wer mitten im Sumpf der Ermittlungen steht und rechtsbeugende Kollegen gegen sich arbeiten sieht, setzt mitunter die falschen Prioritäten. Zu seinem Glück gibt es den Kollegen Zufall.

Der Autor schenkt dem Leser vor einem unverbrauchten Hintergrund eine spannende Unterhaltung und eine tolle Lesezeit, die man nicht mehr missen möchte. Darüber hinaus geht die Reise in eine Vergangenheit, die aktuelle Ereignisse begreifbar machen. In einem Interview erklärt der Autor: „… ich will den Weg verstehen, den die deutsche Gesellschaft von 1918 bis 1933 gegangen ist. Also setze ich meine Figuren auf diesen Weg, …, versuche zu sehen und zu fühlen, was sie sehen und fühlen, und mit ein bisschen Glück und Geschick lernen ich und meine Leser*innen ein wenig zu verstehen. Danach schauen wir mal, wie monströs 1933 sich noch anfühlen wird.“

Falls sich mit dem vielseitig angelegten Charakter Paul Stainer eine Serie in die Vergangenheit der deutschen Geschichte entwickeln sollte, wäre dies die Aussicht auf eine wunderbare Lesezeit.

Thomas Ziebula: Der rote Judas.
Wunderlich, Januar 2020.
480 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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