Thilo Krause: Elbwärts

Also, ich sage es mal ganz vorsichtig: man könnte vermuten, ich hoffe, ich liege vollkommen falsch, der Autor und Ich Erzähler Thilo Krause hat oder hatte eine schwere Zeit hinter sich, so in Richtung Melancholie und Depression, und seine in Anspruch genommene psychotherapeutische Begleitung hat ihm geraten, alles mal aufzuschreiben. Da war das Ganze wohl noch nicht als Roman gedacht, aber es entpuppte sich nach und nach als Möglichkeit, sich von seinem traumatischen Ballast zu befreien. Ich meine, das Buch bei aller romantischer Naturnähe, zieht einen doch ziemlich runter.

Es ist die Geschichte zweier Jugendfreunde, die in der DDR aufgewachsen sind, und zwar in der Nähe des Elbsandsteingebirges im südlichen Sachsen an der Grenze zu Nordböhmen, also der damaligen Tschechoslowakei mit der Elbe als Grenzfluss! Diese bizarren Felsformationen waren für Vito und dem Erzähler – er bleibt immer ohne Namen – das geheimnisvolle Rückzugsgebiet. Auch von der Schule und den Jungen Pionieren, und all dem Scheiß. Hier atmeten sie tief die Freiheit ein, die Natur, die Wolken, geheimnisvolle Baumkronen und Wipfel und eben die Steine und Felsen. Sie krochen durch Spalten und Kamine und fanden Plätze und Höhlen, die vor ihnen wahrscheinlich nie jemand betreten hat.

Bei einem dieser Abenteuer gibt es beim Klettern ein Unglück und Vito verliert nach seinem Absturz ein Bein, bzw. es bleibt nur noch ein Stumpf nach verpfuschter OP. Der Erzähler lebt fortan im Banne dieser Geschichte, löst sich aber irgendwann aus dieser Gegend, die undeutlich bleibt, denn die Stadt in der Nähe heißt die-Stadt-die-keine-ist und das etwas höher gelegene Dorf seiner Kindheit  bleibt auch namenlos. Eines Tages kommt er, rastlos geblieben, zurück, wohl irgendwann nach der Wende. Wo immer er war. Er hat eine Familie gegründet, hat also seine Lebensgefährtin Christina und „die Kleine“ dabei, voller Sehnsucht nach Obstbäumen und Natur. Sie finden ein passendes Häuschen mit Obstgarten und Christina eine Stelle als Ärztin in der Stadt-die-keine-ist.

Der Erzähler verbringt seine Tage mit der Kleinen, immer von einer diffusen Angst getrieben, auch wenn er sie im nahe gelegenen Kindergarten abgibt, beobachtet er seine Tochter versteckt hinter Hecken. Ansonsten läuft er barfuß durch die Gegend, hat lediglich Kontakt zu Jan, einem tschechischen Touristen Busfahrer. Es sind eigentümliche Streunereien und Strecken, die er da als Sonderling zurücklegt, auch wieder auf die Klippen seines Gebirges. Und irgendwann hat er auch den Mut, sich Vito zu stellen, der Schreiner geworden ist. Die Begegnung läuft aber ohne tiefere seelische Abschürfungen ab. Durch die gespannten Eigentümlichkeiten des Erzählers kommt es auch kurzfristig zur Trennung von Christina und der Kleinen, aber das unglaubliche Elbhochwasser, ich denke es war das Jahr 2002, bringt, wohl der Not geschuldet, alle wieder zusammen. Auch Jan(der Busfahrer), denn sein Haus ist wohl überschwemmt, kommt mit seiner Frau dazu. Das Häuschen liegt hoch genug. Über dem ganzen Roman liegt ein atmosphärisches Misstrauen, welches sich auf Land und Leute überträgt. „Fremd im eigenen Land“ ist schon oft gesagt worden. Aber richtig klar kommt der Erzähler nicht, bzw. er kommt mit sich und der Welt nicht weiter. Vielleicht sind noch ein paar weitere therapeutische Gespräche vonnöten. Also schwer zu empfehlen. Man merkt das auch, dass ich so viel schreibe über einen Roman, der bei aller Beobachtungsgabe, seltsam distanziert bleibt und ich so recht keinen Andockpunkt finde.

Thilo Krause: Elbwärts.
Hanser Verlag, August 2020.
208 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Fred Ape.

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