Terézia Mora: Die Liebe unter Aliens

Die Liebe unter Aliens von Terezia MoraDie Ungarin Terézia Mora (Jahrgang 1971) lebt seit den 1990er Jahren in Berlin. Neben dem Schreiben arbeitet sie als Übersetzerin aus dem Ungarischen. Für ihre Romane und Erzählungen wurde sie u.a. mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

Nach ihrem Debüterfolg mit den Erzählungen „Seltsame Materie“ (1999) erschien Ende September im Luchterhand Literaturverlag ihr neuester Erzählband „Die Liebe unter Aliens“. In einem Interview sagte Terézia Mora einmal, dass das Schreiben von Erzählungen wie eine „Frischzellenkur“ zwischen den Romanen wirke. Und herausgekommen sind zehn wunderbare Erzählungen.

Da ist der ältere „Marathonmann“, der den jungen Dieb seines Beutels verfolgt und dabei den Falschen erwischt. Oder das Pärchen Tim und Sandy aus der Titelgeschichte „Die Liebe unter Aliens“, das am Wochenende zum Meer fahren möchte und nicht zusammen dort ankommt. Der Sanitäter Tom hält seine Aggressionen nur schwer unter Kontrolle, verpasst die Beerdigung seines ehemals besten Freundes, und sehnt sich nach seinem Sohn, den er nur an den Wochenenden sehen darf. In „Verliefen sich im Wald“ trifft ein junger Hotelrezeptionist heimlich einmal im Jahr seine Halbschwester, denn die Eltern wollen nicht, dass die beiden sich sehen. Oder das illegal in Deutschland lebende Künstlerpaar Felka und Felix, das sich mit Putzen und Housekeeping über Wasser hält und durch dieses Leben ihre Liebe zur Kunst und zueinander riskiert. Erasmus Haas ist ein junger Alkoholiker und ehemaliger Tierpfleger. Er wird von seiner Freundin verlassen und scheitert in der schriftlichen Prüfung zum Verwaltungsangestelltenanwärter an der absurden „Gepard-Frage“. In „Das Geschenk oder die Göttin der Barmherzigkeit zieht um“ verliebt sich in Berlin der gerade pensionierte, mit einer Deutschen verheiratete, japanische Professor Masahiko Sato unerwartet in eine ihm völlig fremde Japanerin, die eine Reinigung besitzt und aus seiner Heimatstadt Nagoya stammt. Nach einer Japan-Reise erfährt Masahiko, dass sein Sohn und die Tochter der Reinigungsbesitzerin heiraten möchten.

Diese Erzählungen sind kleine Delikatessen: angefangen bei den Titeln, wie zum Beispiel „Fisch schwimmt, Vogel fliegt“ (nach einem Zitat des legendären Läufers Emil Zátopek), „Perpetuum mobile“ oder „Selbstbildnis mit Geschirrtuch“ bis zu den Enden der Geschichten, durch und durch stimmig komponiert und überraschend dazu.

Die Figuren überzeugen in ihrer Eigenartigkeit und ihrer Suche nach Nähe zum Anderen. Sie schwanken zwischen (Selbst-) Kapitulation und Hoffnung. Immer gehen sie einen ganz eigenen Weg, so läuft und läuft der „Marathonmann“ hinter dem Taschendieb her bis er ihn schnappt oder es reist die junge Ungarin mit dem Doktortitel von einem Stipendium in der Fremde zum nächsten  bis ihr „einfällt, was ich sonst tun könnte“.

Moras Wechsel der Erzählperspektive verwirrt und fasziniert gleichermaßen. Ich musste die erste Erzählung „Fisch schwimmt, Vogel fliegt“ zweimal lesen, um mich auf Moras Art und Weise, Geschichten zu erzählen, einzulassen. Aber dann folge ich ihr ein wenig atemlos, weil ich unbedingt wissen will, wie es den Figuren ergeht, wie sie zurechtkommen, was aus ihnen wird.  Und weil sie so anders sind und handeln als ich.

Terézia Moras Sprache ist so einfach wie fesselnd, so schreibt sie in „Die portugiesische Pension“: „Er erwachte um 06:15. Er wartete bis 07:00, bevor er seiner Freundin eine SMS schrieb.“ Und mit diesen zwei kurzen Sätzen bin ich in der Geschichte.

Mora schafft in jeder ihrer Erzählungen eine stimmige Atmosphäre, sei es der durchgetaktete Tagesablauf der tickenden Zeitbombe Tom in „Perpetuum mobile“ oder die Beschreibung der Ankunft in einer Stadt in „À la recherche“ mit der ungarischen Akademikerin auf der Suche nach dem Sinn. In der Titelgeschichte „Die Liebe unter Aliens“ wähnt man sich als vernünftiger Erwachsener tatsächlich „unter Aliens“ angesichts der Kopflosigkeit und Naivität des jungen Paares auf dem Weg zur Küste.

So gibt es für mich nichts auszusetzen, diese Erzählungen von Terézia Mora sind eine Empfehlung wert.

Terézia Mora: Die Liebe unter Aliens.
Luchterhand Literaturverlag, September 2016.
272 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.